Zeulenroda: Motivieren, schreien, feiern – Serina Riedel im Silber-Glück

Überraschung in Cali: Bei den U20-Weltmeisterschaften erkämpfte sich Serina Riedel im Siebenkampf ihre erste internationale Medaille. Auf der Rückreise begleitete sie nicht nur ihre Silbermedaille im Handgepäck, sondern sie nahm noch ganz viel mehr mit aus einem Land, das mit seinem entspannten, südamerikanischen Lebensgefühl begeisterte, ebenso auch einige Schattenseiten aufzeigte.

Aus Zeulenroda hinaus in die weite Welt: Für Serina Riedel (TSV Zeulenroda) erfüllte sich der internationale Traum, der sie Ende Juli zunächst ins Vorbereitungs-Trainingslager nach Florida und dann weiter zur U20-WM nach Cali führte. Der Hinflug gestaltete sich vom Flughafen Frankfurt/Main problemlos. Eine Woche Pre-Camp lag nun mit dem DLV-Team vor ihr.

Überwältigt vom Pre-Camp

Das Trainingsgelände auf dem Campus beeindruckte, es überwältigte – die hellblaue Bahn, eine gepflegte Anlage und natürlich die Größe. „Das war alles viel größer als bei uns. Sie hatten von allem einfach viel mehr. Mit ein paar Leuten, die dort trainierten, konnten wir kurz sprechen. Sie meinten, dieses Stadion wäre in den USA Standard. Einfach nur riesig war der Kraftraum bzw. das Krafthaus. Während wir bei uns vier Hebebühnen haben, gab es dort 24“, berichtet Serina Riedel, die mit vier weiteren Athletinnen ein Appartement bezogen hatte.

Mit der Zeitverschiebung kam sie nach zwei, drei Tagen „voll gut klar“. Nur die Essenszeiten passten nicht zum Körpergefühl. „Der Körper war an die Essenszeiten zu Hause gewöhnt. Die ersten Tage hatte ich nachts extrem Hunger oder umgekehrt am Tag fast gar keinen.“ Das Essen vielseitig, die Getränke beschränkt auf Wasser. Bis ins kleinste Detail war alles organisiert. „Wir waren in der Woche in einer Art Bubble drin und durften das Gelände nur nach Rücksprache verlassen.“ Serina Riedel bezeichnet es rückblickend als „extrem perfektionistisch“.

Mit Begleitschutz ins Hotel

Nach dieser ersten erlebnisreichen „Trainingswoche“ zog der DLV-Tross weiter in Richtung Cali. Erst vier Stunden mit dem Bus nach Miami zum Flughafen, es folgten drei weitere mit dem Flieger. „Am Flughafen wurden wir mit dem Bus zum Hotel gebracht und das in Begleitung der Polizei. Der Bus ist extrem schnell gefahren. Wir sind durch enge Gasse gefahren, sahen Häuser, die hochgemauert und nur mit einer Plane bedeckt waren. Was mir besonders auffiel, die Freundlichkeit der Menschen. Sie waren total lieb, herzlich und haben viel gelacht. Auf den Straßen lief überall Musik, Gruppen von Menschen saßen zusammen und quatschten“, fasst Serina Riedel die ersten Eindrücke der Reise zusammen.

Angst habe sie in dieser Zeit kaum verspürt. Nur frei bewegen konnte sie sich kaum, ohne das sie von Polizei und Militär beäugt wurde. Ihr Wettkampf begann am Mittwoch. Montags verfolgte sie die Wettkämpfe live im Stadion, feuerten ihre Teamkollegen an und musste mit ansehen wie einige der Favoriten bereits in der Qualifikation rausflogen. Am Folgetag schaute sie die Wettbewerbe im Fernsehen und fieberte mit. Die erste Medaille von Tizian Lauria (VfL Sindelfingen) im Kugelstoßen brachte den nötigen Schub für die kommenden Tage. „Als Tizian mit der Medaille den Essensraum betrat, haben ihm alle zugejubelt. Genau dieses Gefühl wollte ich auch erleben, dass jeder nur für dich jubelt“, erzählt die 19-Jährige, die als Dritte der Welt angereist war.

Diesen Platz bei einer WM zu bestätigen, ist nochmals eine andere Nummer. Dafür muss an beiden Tagen schon alles passen. „Wenn alles normal läuft, hier und da eine Bestleistung steht, dann könnte es vielleicht klappen. Das Minimalziel war Top 5“, hatte sie sich im Vorfeld das WM-Ziel zurückgelegt. Unter Druck setzten lässt sie sich aber nicht. Vor dem Start in den ersten Wettkampftag gab sie sich mehr als entspannt. „Ich mache mir selbst keinen Druck, habe viel nach Hause telefoniert und mich so abgelenkt.“ Außerdem fühlte sie sich richtig gut, sie wertete es als positives Zeichen für den Start in den Siebenkampf.

Hellwach und bereit

Obwohl sie bereits um 4.45 Uhr aufgestanden war, um 8.37 Uhr ging es zum Auftakt über die Hürden, zeigte sie sich hellwach und bereit. Sogleich begeisterte sie mit „einem bombastischen Start“. Sie war sogar die schnellste Starterin im Hürdenfeld. Neben ihr lief die spätere U20-Weltmeisterin Saga Vanninen aus Finnland. „Ich bin super durchgekommen und am Ende war es für mich die drittschnellste Zeit des Jahres“, blickt sie auf die erste Disziplin zurück. Kaum im Ziel angekommen, ging es direkt weiter zum Hochsprung, wo sie etwas haderte – mit den Sprüngen, mit dem Anlauf und der Technik. Dennoch meisterte sie 1,75 Meter. Anschließend probierte sie sich über 1,78 Meter, die Bestleistung bedeuteten hätten. „Ich bin die Höhe noch nie angegangen. Der erste und dritte Versuch waren knapp gerissen. Die Höhe ist auf jeden Fall drin.“

Die vierstündige Mittagspause kam ihr weniger entgegen. Im Kugelstoßen ließ sie einige Punkte liegen und blieb nur knapp unter der 12-Meter-Marke. Bereits während des Wettkampfs zog ein Gewitter auf, es blitzte ohne Ende. „Zum Glück konnten wir unseren Wettkampf noch beenden.“ Mit dem Gewitter begann das Warten, ehe nach fast zwei Stunden der Startschuss für die 200 Meter fielen. Ihre Ausgangsposition eigentlich nicht die beste: eine nasse Innenbahn. „Ich bin noch nie auf der Innenbahn gelaufen. Ich habe mich aber nicht verrückt machen lassen, sondern mir gesagt, du kannst das und lauf was das Zeug hält.“ Sie lief und belohnte sich mit einer neuen Bestzeit.

Nach einer kurzen Nacht mit sechs Stunden Schlaf startete sie in den zweiten Tag mit Weitsprung. An der Anlage herrschte kaum Wind und sie erwies sich als schnell. Auch wenn sich ihre drei Sprünge vom ersten Gefühl nicht allzu gut anfühlten, stand doch jedes Mal eine 6 vor dem Komma – wie zuletzt immer in diesem Sommer. Mit 6,30 Meter holte sie sich sogar den Tagessieg. Anschließend folgte ihre „Wackeldisziplin“ Speerwurf, wo „zwischen 36 und 42 Meter alles passieren kann“. Ihr Handgelenk war getaped, aber nicht wegen einer Verletzung. „Das war einfach für den Kopf, damit ich nicht abknicke mit der Hand“, erklärt sie den psychologischen Trick. Er half, sie warf mit 41,47 Meter Bestweite. Mitrechnen, wo sie vor dem abschließenden Lauf über 800 Meter steht, musste sie nicht. Auf der Anzeigetafel war der aktuelle Stand immer eingeblendet.

Südamerikanische Mentlität begeistert

Mit Teamkollegin Sandrina Sprengel (LG Steinlach-Zollern) lag sie gut auf Kurs. Und vor dem Lauf gab es noch einen gemeinschaftlichen Push. „Wir haben uns gegenseitig angeschrien. Sandrina schrie mich mit den Worten an: Jetzt holen wir uns die Medaillen.“ Besonders im Auge hatte Serina Riedel die Estin Liisa-Maria Lusti, die ebenfalls noch um die Medaillen kämpfte und vorn dabei war. „Von den 800 Metern weiß ich nichts mehr. Ich bin ins Ziel gekommen und dachte, ich bin Dritte“, erzählt Serina Riedel, die erst einige Minuten später auf die Anzeige blickte und registrierte, ich bin Zweite. Sandrina Sprengel wurde Dritte. Mit Deutschlandfahne in der Hand ging es für zwei Mädels auf die Ehrenrunde. Die Begeisterung kannte keine Grenze. Von den Rängen wurde ihnen zugejubelt, gefeiert und getanzt.

Was bleibt ihr außer der Medaille von der U20-WM besonders in Erinnerung? Serina Riedel muss nicht lange überlegen. Es war dieses südamerikanische Lebensgefühl, diese positive und lockere Art der Kolumbianer, die sie begeisterte. „An den letzten zwei Tagen waren die unteren Ränge im Stadion voll besetzt. Die Zuschauer haben alle Athleten gefeiert. Sie haben für jeden gejubelt, egal ob du Erster oder Letzter geworden bist. Das war wirklich toll. Sie haben den Sport gefühlt. Es hat unheimlich viel Spaß gemacht, ein Teil davon gewesen zu sein.“ Nach zwei Wochen weite Welt freute sich Serina Riedel doch wieder auf ihr Zuhause - und vernünftiges Essen. Das Angebot an Nudeln, Reis und Hähnchen war ihr in Cali doch etwas zu begrenzt.

Ein Rückflug mit Hindernissen

Der Rückflug erwies sich als größte Hürde. Er dauerte 44 Stunden, weil sich der Abflug aus Cali verzögerte, landete der Flieger verspätet in Miami, so dass der Tross den Anschlussflieger nach Frankfurt verpasste. Somit folgte ein Anschlussflug über Zürich, bei dem die deutsche U20-Nationalmannschaft an Bord herzlich begrüßt wurde. „Die Stimmung im Flugzeug war richtig gut. Dennoch war ich froh, als wir wieder in Frankfurt gelandet sind. Mein Freund hat mich abgeholt und Montagabend um 22 Uhr war ich dann wieder daheim“, berichtet Serina Riedel, die ihren Kofferinhalt gleich in der Waschmaschine verschwinden ließ. Die DLV-Kleidung war für den Aufenthalt in Cali etwas zu knapp bemessen. Die erste Wäschen gab es bereits in Florida. Die Mädels waren dafür ziemlich gut ausgestattet und hatten Wäschepods dabei. „Handwäsche habe ich gelernt“, sagt Serina Riedel lächelnd.

Ihr ehemaliger Trainer Peter Fleißner hatte vor der Abreise noch einige wichtige Tipps parat. Nämlich den für den Adapter, den sie sich frühzeitig besorgte. Ebenso hatte sie die erst wenige Tage zuvor beantragte Kreditkarte dabei. Mit dieser war sie unter den Athleten in Cali sehr gefragt. Sie erlebte in vielerlei Hinsicht eine aufregende Zeit. „Realisiert habe ich es immer noch nicht, dass ich U20-Vize-Weltmeisterin geworden bin“, sagt Serina Riedel über ihren bisher größten Erfolg. Vielleicht kommt sie diesem Gefühl in diesen Tagen ein Stückchen näher, wenn sie sich in ihrer Off-Season immer mal wieder die Schachtel nimmt und über die darin liegende Medaille streicht – und merkt, das ist kein Traum. -sam-