Zeulenroda: Eine Siebenkämpferin zwischen Tallinn und Rostock

Das Ankommen in der Heimat fiel ihr die ersten Tage richtig schwer. Zu sehr war der Kopf noch in Tallinn, zu sehr bei den erlebnisreichen Tagen der U20-Europameisterschaften. Hinter Siebenkämpferin Serina Riedel lag ihr erster internationaler Einsatz im Nationaltrikot, den sie mit einem beachtlichen vierten Platz krönte. Nun will sie die Spezialistinnen ein wenig ärgern. Bei den Deutschen Jugendmeisterschaften in Rostock (30. Juli bis 1. August) startet sie im Weitsprung und über 200 Meter.

Nach der Rückreise aus Tallinn war erstmal Schlaf nachholen angesagt. Bevor es dann am Dienstag zurück in die Schule ging. Überall wurde sie mit Glückwünschen überhäuft. „Das war schon etwas komisch, wenn dir alle Mitschüler und Lehrer gratulieren. Dann wurde ich am Nachmittag vom Verein im Stadion empfangen. Ich mag solche Empfänge eigentlich nicht so gerne, aber es war dennoch ganz cool“, sagte sie. Auch dort kam sie nicht umhin zu erzählen, von ihren Tagen mit dem DLV-Team und den beiden Wettkampftagen in der estnischen Hauptstadt.

Mischung aus Ungeduld und Vorfreude

Dabei kommt sie regelrecht ins Schwärmen. „Es war ein komplett anderes Gefühl, dort zu sein. Ich habe es mit belastender vorgestellt, aber es war so eine coole Zeit. Es war unter den ganzen Athleten so ein respektvolles Miteinander.“ Etwas haderte sie mit dem Hinflug. Mittwochnacht um 0.30 Uhr landete der Flieger in Tallinn, das Hotel war um 3 Uhr erreicht. Frühstück gab es um 9 Uhr, bevor es eine Stunde später zur Stadionbesichtigung ging. Donnerstag war Auftakt und Wettkampftag.

Gleich an den ersten beiden Tagen dran zu sein, damit haderte Serina Riedel weniger. „Ich empfand es als großen Vorteil. Man muss nicht bis zum Wochenende warten, hat nicht nochmal die Vorbelastungen, sondern muss gleich zum EM-Start fokussiert sein.“ Das mit dem Fokus gelang ihr gut. Schon im Callroom war ihr die Freude über ihren ersten EM-Start anzumerken. Es war eine Mischung aus Ungeduld und Vorfreude, endlich in dieses Stadion gehen zu können und das zu zeigen, was in ihr steckt. „In dem Moment dachte ich nur, ich will endlich laufen.“

Hürden-Endzeit im Gefühl

Als sie das Stadion betrat, klatschten die Athleten auf der Tribüne. Ein erhabenes Gefühl. Ebenso wie als Athletin für Team Germany vorgestellt zu werden. Sie durfte gleich im ersten Lauf ran – Außenbahn. „Ich laufe gefühlt immer auf der Außenbahn. Mich stört das schon nicht mehr.“ Sie blieb cool – und hatte ihr Endzeit irgendwie im Gefühl. „Ich hätte dir im Startblock schon sagen können, was ich laufe.“ Sie bezeichnet sich selbst als Wettkampftyp, kann, wenn es drauf ankommt, abliefern. „In dem Moment weißt du, du startest für Deutschland und bist eine der Auserwählten.“

Und die „Auserwählte“ sorgte gleich zum Auftakt mit 14,25 Sekunden für eine schnelle Zeit über 100 Meter Hürden. Der Hochsprung verlief mit 1,72 Meter recht ordentlich. Sie war in der starken Gruppe. „Davor habe ich mich ein bisschen gefürchtet, weil diese Athletinnen ihre Anfangshöhe bei 1,57 Meter haben. Ich steige generell bei 1,54, 1,55 Meter ein. Das hat dann aber trotzdem gut geklappt.“ Dann wurde es plötzlich etwas eng: An der benachbarten Anlage machten sich die Diskuswerfer bereit für ihre Qualifikation. Eine ungewohnte Situation, die Serina Riedel aus ihrem gewohnten Rhythmus brachte. „Der letzte Versuch über 1,75 Meter hat dann vorne nicht mehr gepasst.“

Spezialisten geben Tipps

Es folgte das Kugelstoßen. Beim Einwerfen rutschte ihr einer auf 13 Meter raus. Im Wettbewerb waren es 12,13 Meter. Abschließend die 200 Meter. „Darauf habe ich mich sehr gefreut, weil alle drei deutschen Mädels in einem Lauf waren. Mit meinem Rennen war ich gar nicht zufrieden. Ich bin es zu langsam angegangen“, blickt sie zurück. Zur Halbzeit lag sie auf Platz fünf. Die Konkurrenz aber eng beieinander. Platz fünf und neun trennten lediglich 120 Zähler. „Das ist im Mehrkampf nicht viel. Gerade in dieser wirklich sehr starken internationalen Konkurrenz wird jeder kleine Fehler noch mehr bestraft. Ich wollte einfach unter den Top 10 bleiben.“

Der zweite Tag begann mit dem Weitsprung. Tags zuvor gab es Tipps von den Spezialisten. „Wir sollten einfach voll aufs Brett gehen. Das war eine extrem schnelle Bahn. Das war vom Kopf her gut zu wissen, es kann richtig weit gehen.“ Die Topweite gelang ihr dann in der dritten Runde. Nach ihrem Sprung stand sie bei Lars Albert und Kai Dockhorn, die als Nachwuchs-Bundestrainer die Mehrkämpfer vor Ort betreuten. „Die Trainer haben schon so geschätzt, dass der Sprung um die 6,30 Meter sein könnte. Ich dachte, ich muss sterben, als die Weite angezeigt wurde.“ Angezeigt wurden 6,33 Meter. Im Speerwurf hätte sie gern eine 40 vor dem Komma gehabt, das gelang mit 37,06 Meter nicht ganz. „Wir hatten vollen Gegenwind und ich weiß, Speerwerfen ist meine größte Baustelle.“

Im Ziel: Freude mit und über andere Athletinnen

Jetzt war die Frage, Platz drei angreifen oder den vierten Platz verteidigen? Serina Riedel entschied sich für verteidigen. Das schon schwer genug. „Ich musste die Estin (Anmerk. Pippi Lotta Enok) und die Engländerin (Abigail Pawlett) im Auge behalten. Die Estin war im Ziel nur knapp vor mir, die Engländerin hinter mir“, berichtet Serina Riedel, die in 2:23,85 Minuten ihre Bestzeit steigerte. Ebenso durfte sie sich über eine neue Bestmarke von 5.730 Zählern freuen.

Im Ziel waren dann die anderen Siebenkämpferinnen wichtiger als sie selbst. „Ich habe mich über und mit den anderen gefreut. Wie über den dritten Platz von Marie Dehning. Ich war in dem Moment so stolz auf sie. Meine Platzierung habe ich erst erfahren, als mich Kai in den Arm genommen hat und mir gesagt, ich bin Vierte. Realisiert habe ich es erst Stunden später“, erinnert sich die 18-Jährige.

Abends ging es in die Stadt und zum Entspannen an den Strand. Der nächste Tag war gefüllt mit Stadion, Anfeuern und Physiotherapie. Und abends lockte erneut die Stadt. „Wir waren mit den Hammerwerfern, den Hürdenläufern unterwegs. Das war echt eine coole Truppe. Abends haben wir noch am Strand Volleyball gespielt.“ Der nächste Tag war bereits Abflugtag. Ausgerechnet der Abschlusstag. Die letzten Wettkämpfe wurden dann am Laptop am Flughafen verfolgt.

Hürdensprint als schönster Moment

Zurück in der Heimat hatte sie viel zu erzählen. Zuerst ihren Eltern, dann folgten Trainer und Vereinsmitglieder sowie der Presse. Gefragt nach dem schönsten Moment, kommt ohne groß zu überlegen, der Hürdensprint. Dieses Rennen ist einfach in ihrem Kopf. Wie so viele weitere schöne Momente. „Für mich war dieser EM-Start etwas ganz besonderes. Sowas erlebt nicht jeder. Wir haben uns nach Tallinn gekämpft, haben die Norm erfüllt und alle waren verdient dort. Ich habe mich mega gefreut, Teil des Teams sein zu dürfen.“

Nur zwei Wochen später trifft sich ein großer Teil des Teams bei der Jugend-DM in Rostock. Im Vorjahr holte Serina Riedel Bronze im Weitsprung. Vielleicht schafft sie es in diesem Jahr erneut, die Spezialistinnen ein wenig zu ärgern. „Wenn ich über 6,20 Meter springe, dann wäre ich schon voll zufrieden“, blickt sie voraus. Gemeldet hat sie weiterhin über 200 Meter. Beide Wettbewerbe sind am Sonntag. Es sind die letzten vor ihrem Urlaub. „Ich hatte jetzt seit fünf Jahren keine Ferien mehr gehabt. Ich freue mich drei, vier Wochen mal nichts zu machen.“ Und diese Zeit zu nutzen, um den vierten Platz aus Tallinn im Kopf und im Herzen ankommen zu lassen. -sam-