Tokio: Geher Jonathan Hilbert kämpft sich zurück ins Leben

In Tokio feierte Jonathan Hilbert vor vier Jahren seinen größten sportlichen Erfolg, als er bei den Olympischen Spielen überraschend Silber im 50 Kilometer Gehen gewann. Nun die emotionale Rückkehr an eben jenen Ort. In der Nacht zu Samstag wurde es am ersten Tag der Weltmeisterschaften nicht weniger emotional. Der Thüringer wurde über 35 Kilometer 16.

Als am Freitagabend die Schauspielerin Katrin Sass bei der „Goldenen Henne“, Deutschlands größtem Publikumspreis, mit dem Ehrenpreis für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde, wollte sie noch einen Satz loswerden und rührte damit das Publikum: „Wer nicht am Abgrund stand, dem wachsen keine Flügel.“ Sie holte noch etwas weiter aus: „Dieser Satz, den kennen alle und wir kennen das Gefühl, am Abgrund zu stehen, in einer Krise zu sein und irgendwie am Ende zu sein. Aber wenn man da irgendwann wieder rauskommt, dann hält das Universum etwas für einen bereit. Danach hat man Dankbarkeit und Demut.“

Stolz auf diesen Wettkampf

Ein Satz, der nicht weniger die letzten Jahre von Geher Jonathan Hilbert (LG Ohra Energie) beschreiben könnte. In der Nacht zu Samstag startete der 30-Jährige bei den Weltmeisterschaften in Tokio. Es waren die erwartet harten Bedingungen, welche die 50 Geher – und die gleichzeitig startenden Geherinnen – am Samstagmorgen bei der WM in Tokio (Japan) für ihre 35 Kilometer vorfanden. Hitze, hohe Luftfeuchtigkeit und anfangs Nieselregen stellten für die Starter eine enorme Herausforderung dar. Als bester Deutscher kam Cristopher Linke (SC Potsdam) in 2:36:10 Stunden schlussendlich als 14. ins Ziel Nicht weit hinter dem Deutsche Rekordler folgten schon seine zwei Teamkollegen Jonathan Hilbert und Johannes Frenzl (Eintracht Frankfurt). Beide waren konservativer angegangen und konnten auf den letzten Kilometern noch viele Plätze gutmachen. In jeweils 2:36:47 Stunden belegten sie die Ränge 16 (Hilbert) und 17 (Frenzl) – ein Resultat, mit dem beide zufrieden sein konnten. 

Nach dem Rennen wurde es dann besonders emotional. Jonathan Hilbert hatte bereits vor einigen Wochen öffentlich gemacht, an Depressionen zu leiden. „Das sind Tränen der Erleichterung! Hier heute zu stehen, ist keine Selbstverständlichkeit für mich. Die letzten Jahre waren sehr dunkel und alles andere als leicht. Ich bin unglaublich froh, stolz und dankbar und kann jedem, der mit Depressionen zu kämpfen hat, nur sagen: Es lohnt sich, dranzubleiben, die tiefen Täler zu durchschreiten. Wenn ich das schaffe, dann schaffen das auch andere. Und ich bin stolz, hier so einen Wettkampf gemacht zu haben. Mein Ziel war es, in die Top 20 zu kommen, jetzt bin ich 16. geworden.“

Hilbert: "Als Einzelsportler gewinnst du nie allein"

Für ihn war es sein erster großer internationaler Start seit den Olympischen Spielen 2021. Umso glücklicher zeigte er sich, zurück auf der Weltbühne zu sein und daraus neuen Mut für die Zukunft zu schöpfen. „Es ist noch ein weiter Weg, ich habe mich letztes Jahr in Leipzig komplett neu aufgestellt, neu angefangen mit ganz niedrigen Umfängen und bin jetzt vielleicht bei 80 Prozent meiner Leistungsfähigkeit.“ In dem Zusammenhang richtet er einen großen Dank an seine bisherigen Wegbegleiter: „Ich bin unglaublich dankbar für alle Unterstützer und Sponsoren, sportlich, beruflich, aber auf familiär. Für meine Eltern, meinen Verein, die Thüringer Polizei, meine Freundin, die in drei Wochen meine Ehefrau wird. Und meinen Trainer Daniel Fleckenstein, der mich in einer sehr schwierigen Zeit übernommen hat und den Weg mit mir gegangen ist.“

Dem nicht genug richtete er einen großen Dank an Teamkollege Christopher Linke, der ihm auf seinem Weg zurück auf die große Leichtathletikbühne besonders half: „Ich bin auch Christopher Linke dankbar, der sich dafür eingesetzt hat, dass ich ohne Norm bei der Team-EM starten darf, und dem DLV, der mich für die Team-EM nominiert hat, wo ich dann WM-Norm gegangen bin. Sonst wäre ich nicht hier. Als Einzelsportler gewinnst du nie allein.“ 

Beitrag Sportschau