München: Die Barriere im Kopf

Wenn der Kopf nicht mitspielt: Geher Karl Junghannß konnte seinen Auftritt über 20 Kilometer am Samstagvormittag nicht mit einem Topresultat krönen. Er wurde zweitbester Deutscher und kam als 20. ins Ziel.

Nachdem Karl Junghannß (LC Top Team Thüringen) die Mixed Zone verlassen hatte, wartete sein Trainer Petro Zaslavskyy bereits auf ihn. Zwischen Theatinerkirche und Residenz folgte sogleich eine erste Analyse. Soeben hatte sein Schützling über 20 Kilometer in 1:28:21 Stunden den 20. Platz belegt. Es war nicht das Ergebnis, was sich beide erhofft hatten. Aufmunternde Worte schenkten ihm dann seine Familie, Freunde und Teamkollegen, die ebenfalls an der Mixed Zone auf ihn warteten.

Nach solch einem Rennen die richtigen Worte auch als Athlet zu finden, keine einfache Sache. Karl Junghannß hatte das eigentliche Problem schnell für sich ausgemacht: der Kopf. „Der Wettkampf verlief alles andere als zufriedenstellend. Es hat so gut wie an allen Stellen nicht wirklich funktioniert. Obwohl ich mich in einer sehr guten Form befand. Ich hatte gute Beine und auch die Vorbereitung lief gut. Ich konnte es mental nicht – die Luft war einfach raus. Irgendwie habe ich mich schon auf den Wettkampf gefreut, aber in den letzten Wochen war ich gedanklich eher schon nach dem Wettkampf.“ Manchmal ist die größte Barriere eben der Kopf.

Technikprobleme beim langsamen Gehen

Die europäische Konkurrenz schnell. Zu schnell für den angekündigten U23-Europameister über 20 Kilometer von 2017, der nach den ersten Runden abreißen lassen musste. Die Führungsgruppe mit dem spanischen Titelverteidiger Álvaro Martín hatte abrupt beschleunigt. „Ich war fünf Sekunden schneller unterwegs als noch in der Runde zuvor. Das war für mich in dieser Runde Bestzeittempo, wo ich mir gesagt habe, das kann ich nicht durchgängig gehen. Außerdem wollte ich auch nicht schneller gehen. Obwohl ich sagen muss, die ersten 10 Kilometer hatte ich vom Tempo so erwartet und das ist etwas, was ich auch kann.“ Aber eben nicht an jenem Vormittag im Zwei-Kilometer-Pendelkurs am Odeonsplatz.

Die Lücke zur Führungsgruppe vergrößerte sich zusehends. Das Fatale an der Situation, für Karl Junghannß „ging es relativ schnell noch langsamer“. Und wo eben noch hinter seiner Startnummer 31 keine Anträge aufleuchteten, waren es dann innerhalb von wenigen Minuten gleich drei. „Die Technik wird schlechter wenn ich langsamer werde“, erklärte der 26-Jährige und begab sich daraufhin in die Penalty-Box, wo er zwei Minuten warten musste, ehe es für ihn wieder auf die Strecke ging. „Durch die Strafzeit habe ich nicht allzu viel verloren. Ich wollte einfach nur durchgehen. Auf den letzten vier Kilometer bin ich dann wieder schneller gegangen und bekam keinen Antrag.“

EM als Saisonabschluss

Aussteigen war für ihn keine Option. Er tat dies auch für einen Teamkollegen, der an der Strecke stand und kräftig unterstützte. „Ich habe Hagen Pohle an der Strecke gesehen. Er hätte vielleicht auch gern den Startplatz über 20 Kilometer genommen.“ So beendete Karl Junghannß das EM-Rennen als 20. Und mit dieser Platzierung setzte er für sich einen Schlusspunkt unter eine lange wie kräftezehrende Saison mit einigen Spitzen. So gut die Konkurrenzsituation für das deutsche Gehen auch ist, aber sie verlangt vieles ab. Insbesondere wenn es darum ging, die Qualifikationsnormen abzuhaken. Für Karl Junghannß war dies über beide Strecken der Fall. Bei jeweils drei zu vergebenen Tickets über 35 wie 20 Kilometer musste er alles aus sich herausholen, um gegen die starke innerdeutsche Konkurrenz zu bestehen.

Seine Vorliebe galt ganz klar den längeren Strecken. Die 20 Kilometer zu kurz, um sein wahres Potenzial auszuschöpfen. Und das hat er im Frühjahr eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Nämlich als Sechster bei der Team-WM im Oman. Er stieß mit seiner Leistung in die Weltspitze vor. Zum Ende der Saison fehlte einfach die nötige Frische. Ganz besonders im mentalen Bereich, um mit einem Topresultat die Saison abzuschließen. Um den Kopf jetzt wieder frei zu bekommen, wechselt Karl Junghannß in den kommenden Wochen die Disziplin. Geplant ist im Oktober ein Marathon. Den Ort wisse er aber noch nicht. Parallel kreisen die Gedanken bereits um die neue Saison. Es gibt Überlegungen, es gibt ein paar Ideen. Aber dafür werden sich sein Trainer Petro Zaslavskyy und er in den nächsten Tagen in Erfurt zusammensetzen und schauen, wie sie das WM-Jahr angehen werden. -sam-

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