Karriereende mit Stil: Julian Reus verabschiedet sich mit Olympia-Finale

Der Kapitän geht: Bei den Olympischen Spielen in Tokio schloss sich für Julian Reus der sportliche Kreis. Für ihn war das Finale mit dem deutschen Sprint-Quartett sein letztes Rennen auf der großen Weltbühne. Der Erfurter Topsprinter hat seine sportliche Laufbahn beendet. Nach seiner Rückkehr aus Tokio wurde er in seiner „Wahl“-Heimat Erfurt von ehemaligen Weggefährten, Trainingspartnern und seinen Trainern herzlich empfangen.

Bilder wecken Emotionen, sie begeistern und beeindrucken: In der Hartwig-Gauder-Halle flimmerten unlängst zwei denkwürdige Momente über die große Videowand. Julian Reus (Top Team Thüringen) saß auf dem Siegertreppchen-Block, der Blick gen Leinwand gerichtet. Zu sehen bekamen er und die anwesenden Gäste den Vorlauf und das Finale der DLV-Sprintstaffel gezeigt. Die Bilder erzeugten sofort wieder Gänsehaut, wie einige Tage zuvor, als man mit den vier Jungs am Livestream mitfieberte.

TLV-Empfang mit Fragerunde

„Es ist natürlich noch ein schönes Gefühl, sich diese Bilder anzuschauen. Gerade auch dann, weil es für uns ganz gut lief. Als Staffel haben wir einen guten Job gemacht, haben uns dort sehr gut verkauft und als Olympia-Sechster war es das Maximum, was wir rausholen konnten“, sagt der 33-Jährige, der eventuell sogar mit der DLV-Staffel noch einen Platz nach oben klettern könnte. Der britischen Staffel droht nach einem Doping-Verdacht der Silber-Verlust. Für Julian Reus haben diese Bilder eine noch tiefere Bedeutung, symbolisieren diese Rennen doch das Ende seiner langen wie erfolgreichen Sprinterkarriere.

Der Empfang vom Thüringer Leichtathletik-Verband (TLV) bot zugleich eine gute Gelegenheit für eine Fragerunde. Moderator Patrick Letsch übernahm den Part und band zudem die anwesenden Gäste für Fragen mit ein. Dabei stellte er zu Beginn ein Gleichnis zwischen ihm und dem zweiten Geehrten Jonathan Hilbert fest. Beide sind geboren im Sternzeichen Stier. Nachgesagt wird ihnen, in der Ruhe liegt die Kraft. So ganz wollte Julian Reus dieses Motto nicht bestätigen. „Das stimmt bei mir eher nicht so. Ich kann schon sehr ungeduldig werden, aber ich glaube, dass ich in diesem Jahr bei uns der Ruhepol war. In den vergangenen Jahren war es mehr der Trainer, in diesem Jahr habe ich die Rolle so ein wenig angenommen.“

London, Rio, Tokio: Drei Spiele, drei unterschiedliche Erfahrungen

Des Weiteren berichtet er über seine bisherigen Olympia-Erfahrungen. Seine große internationale Reise begann 2012 in London führte ihn über Rio (2016) bis nach Tokio (2021). „Die Olympischen Spiele sind an sich schon ein Erlebnis. Ich habe sie aber sehr unterschiedlich wahrgenommen.“ An seine Olympia-Premiere in der englischen Hauptstadt hat er durchweg nur gute Erinnerungen. „Das war schon überragend, von den Zuschauern und allen drumherum. Die Stadt hat in diesen Tagen gelebt.“

Von Rio hat er sich vier Jahr später sicherlich mehr erhofft. Verglichen mit London muss er Abstriche machen. „Für mich persönlich sind die Olympischen Spielen von zwei Charakteren geprägt, Einerseits die Zuschauer, anderseits das Ganze drumherum, was die Helfer angeht bis hin zum Essen. Für mich war Rio nicht so das Erlebnis“, erinnert er sich zurück.

Nicht so seine letzten Olympischen Spiele in Tokio. Die Japaner lernte er als als sehr zuvorkommend kennen. „Sie haben uns Sportlern ein wertvolles Gefühl gegeben. Trotz dessen keine Zuschauer zugelassen waren, war es für mich ein schönes Erlebnis. Die Japaner haben wirklich das Bestmögliche daraus gemacht.“ Von den Weltspielen zu Rekordzeiten: vier nationale Rekordmarken hat Julian Reus in seiner sportlichen Vita stehen. Zwei Einzel-Rekorde, zwei als Staffelmitglied.

Nationale Rekorde - keine Marken für die Ewigkeit

In der Halle stehen sogar zwei Rekordhalter über 60 Meter in der Liste. Kevin Kranz (Sprintteam Wetzlar) egalisierte die deutsche Bestleistung (6,52 sec) von Julian Reus erst zu Jahresbeginn bei der Hallen-DM in Dortmund. In der Besetzung Julian Reus, Robin Erewa, Sebastian Ernst und Alexander Kosenkow lief sich die Vereinsstaffel des TV Wattenscheid über 4x200 Meter in die Rekordliste. Das Quartett hält seit dem 23. Februar 2014 mit 1:23,51 Minuten den deutschen Rekord über diese Strecke.

Kein deutscher Sprinter war jemals schneller: So schrieb jüngst die Sportpresse über Lucas Ansah-Peprah (HSV Hamburg). Er war beim Meeting in La Chaux-de-Fonds die 100 Meter in 9,98 Sekunden gelaufen. Den Rekord behält allerdings Julian Reus, er steht bei 10,01 Sekunden. Der Hamburger lief die neue Rekordmarke bei zu viel Rückenwind.

Für Tokio hatte sich die DLV-Sprintstaffel den deutschen Rekord mit als Ziel gesetzt. Im Vorlauf schrammte das Quartett nur um vier Hundertstel an der mehr als neun Jahre alten Rekordmarke von 38,02 Sekunden vorbei. Damals beteiligt war Julian Reus als Startläufer in der DLV-Auswahlmannschaft. Wie auch bei seinem letzten Rennen, dem olympischen Finale mit der Sprintstaffel. Sind das Rekordmarken für die Ewigkeit? „Das hoffe ich nicht. Irgendwann werden sie gebrochen – und das ist auch gut so. Ich kann damit gut zurechtkommen, wenn es irgendwann passiert. Das bedeutet, dass es im deutschen Sprint nach vorn geht“, sagt Julian Reus ziemlich entspannt.

Beide Strecken wichtig

Nie zur Debatte stand für ihn: 100 oder 200 Meter? Seine Starts über 200 Meter wurden zwar zuletzt immer weniger, aber auf beiden Sprintstrecken sei er stets gut zurechtgekommen und waren für ihn wichtig. Die immer weniger werdenden Rennen über 200 Meter hatten unterschiedliche Gründe. „Teilweise aus gesundheitlichen Probleme. Dann wurde es von den Saisonverläufen immer schwieriger für mich, sie zu laufen. In diesem Jahr haben wir uns relativ früh in der Saison mit der Staffel für die Olympischen Spiele qualifizieren müssen, es folgte eine frühe Deutsche Meisterschaft. Zudem ist der Trainingsumfang für die 200 Meter einfach ein bisschen höher“, erklärt er.

Wie es sportlich nach seiner Laufbahnende weitergeht, konkrete Vorstellungen gibt es noch keine. „Ich denke, ich werde sportlich weiterhin aktiv sein. Ich werde für mich einen Weg finden, wie ich den sportlichen Part in meinen Tagesablauf einbauen kann. Ich werde mir dazu nach meinem Urlaub Gedanken machen, wie ich meine körperliche Form halte, dass es akzeptabel aussieht“, sagt er lächelnd. Als Perspektive um sich fitzuhalten, wird man ihn wohl immer mal wieder im Kraftraum und im Steiger antreffen. In Tokio hat sich für ihn ein Kreis geschlossen. Der Kapitän geht: den Leistungssportler Julian Reus gibt es nun nicht mehr. Jetzt beginnt für ihn ein neues Leben. -sam-