Offiziell kann sich Jenas Wurftrainerin Petra Felke seit 1. Oktober Rentnerin nennen. Verabschiedet wurde die 66-Jährige nur wenige Monate später beim Erfurt Indoor. Seither hat sie nun mehr Zeit für die Familie, das zweijährige Enkelkind und langen Spaziergängen mit ihrem acht Jahre alten Beagle-Rüden. Darüber hinaus ist sie dem Sport weiterhin verbunden. Einige Stunden in der Woche liegt der Fokus auf Nachwuchs-Kugelstoßerin Helena Naussed, die sie weiterhin trainiert. Ebenso wie eine kleine Gruppe von behinderten Sportlern.
Als „ungewohnt“ beschreibt Petra Felke die erste Zeit in ihrem neuen Lebensabschnitt. „Es war doch alles relativ neu. Ich habe es nicht vom Kopf her realisieren können und musste mich an das Rentnerdasein erstmal gewöhnen, was mir nicht so leicht fiel“, sagt die 66-Jährige. Inzwischen genießt sie ihren Ruhestand. Dazu gehören die Spaziergänge mit ihrem acht Jahre alten Beagle-Rüden, die sie jetzt noch mehr und ohne großen Zeitdruck genießen kann. Rund um ihren Wohnort Bucha gibt es ausreichend schöne Routen für lange Spaziergänge.
Erfurt Indoor als große Bühne für den Abschied
„Mir bringen diese Stunden Lebensqualität, wenn ich jeden früh ein- bis anderthalb Stunden rausgehe. Ich genieße die Ruhe, das tut mir einfach gut. Außerdem entdeckt man dabei immer wieder neue Ecken.“ Nicht nur allein ihr Hund profitiert von ihrer neuen Situation. Für Ehemann Lars und das familiäre Umfeld bleibt nun ebenfalls mehr gemeinsame Zeit. Ganz besonders für ihr Enkelkind von ihrem ältesten Sohn Maximilian, die in Weimar wohnen. „Wenn sie mich brauchen, dann kann ich spontaner regieren und die Kleine vom Kindergarten abholen. Zudem ist es für einen sehr schön, die Kleine jetzt aufwachsen zu sehen“, sagt Petra Felke. Für spontane Treffen auf einen Kaffee mit ihrem jüngsten Sohn Tom, er hat sein Arztstudium erfolgreich abgeschlossen und arbeitet in der Neurochirurgie im Universitätsklinikum Jena, kann sie ebenfalls flexibler reagieren.
Ihr neues Kapitel begann offiziell am 1. Oktober, verabschiedet wurde sie im würdigen Rahmen beim Erfurt Indoor. „Steffi (Anmerk. TLV-Präsidentin Stefanie Wallstein) hatte mich angerufen, ob ich am 13. Februar Zeit habe und zum Erfurt Indoor kommen kann. Ich wusste wirklich von nichts. Die Verabschiedung war wirklich eine Riesenüberraschung“, erzählt Petra Felke. Überrascht wurde sie dabei mit einer „Olympia-Torte“, verziert mit den olympischen Ringen, einer Goldmedaille und einer Speerwurffigur. Gebacken hat diese Tom Spaleck – einstiger Langhürdler, Jugendtrainer beim Erfurter LAC und Hobbybäcker. „Es gibt magische Momente, die nicht schöner sein können. Eine Torte für Petra Felke gestalten zu dürfen, war für mich genau so ein Moment. Eine Ausnahmesportlerin, Olympiasiegerin, Weltklasse-Athletin im Speerwurf – eine Frau, die Leichtathletik-Geschichte geschrieben und Generationen inspiriert hat mit dem bisher einzigen 80-Meter-Wurf jemals“, schrieb der 24-jährige Kirchheimer in den sozialen Netzwerken, er war 2023 Teilnehmer vom „Das große Backen“.
Keine "ruhige Kugel" für Petra Felke
Die Verabschiedung wie die Torte haben Eindruck hinterlassen. Die Beschenkte sprach vom einem „absoluten Kunstwerk“, das sie mit der Familie teilte. „Die Torte war geschmacklich richtig klasse.“ Obwohl sie die große Bühne eher meidet, ging ihr die Verabschiedung „sehr ans Herz. Es war ein würdiger Rahmen“. Doch so ganz vom Sport kann sie dennoch nicht lassen. Einen ihrer Schützlinge betreut sie nämlich weiterhin. Zweimal die Woche kommt Nachwuchs-Kugelstoßerin Helena Naussed zum Training. „Nach dem sich meine Trainingsgruppe über die vergangenen Jahre nach und nach immer mehr abgebaut hat, hing Helena in der Luft. Sie passte nirgendwo rein. Es war auch keine Option, dass sie kurz vor dem Abitur nach Erfurt wechselt“, erklärt Petra Felke.
Es fand sich eine Lösung. Dienstags und donnerstags ist ihr Schützling bei ihr in Jena, der Fokus liegt auf dem Krafttraining. Ihre Trainerin schreibt ihr auch die Trainingspläne. Das Techniktraining liegt in den Händen von Richard Debuch, der die 18-Jährige in Erfurt betreut. „Mit Richard ist es wirklich eine schöne Zusammenarbeit. Das funktioniert hervorragend. Man kann wirklich von einem Gemeinschaftsprojekt sprechen“, betont Petra Felke, die weiterhin mit viel Engagement und Herzblut dabei ist. „Ich habe Helena seit der 9. Klasse unter meinen Fittichen. Sie ist ein fleißiges Mädchen, mit einem hohen Anspruch an sich selbst“, weiß ihre Trainerin, die zudem noch drei Behindertensportler betreut. Begleiten wird sie ihre Schützlinge in der bevorstehenden Sommersaison wie bereits in der Halle nicht mehr zu allen Wettkämpfen. Das passiert in enger Absprache mit Richard Debuch.
Ein vergoldetes Olympia-Debüt
Das Trainersein war der zweite Teil ihres sportlichen Lebens. Zuvor war sie Athletin. Speerwerferin. Eine erfolgreiche noch dazu. Das Jahr 1988 eins ihrer erfolgreichsten. Sie gewann olympisches Gold für die DDR im südkoreanischen Seoul. Wenige Wochen zuvor hatte sie den Speer auf die Weltrekordweite von 80 Meter geworfen. So weit wie keine andere Athletin zuvor. Sie schrieb Sportgeschichte. Es wurde sogar ein Rekord für die Ewigkeit, weil der Leichtathletik-Weltverband IAAF 1999 eine Veränderung der Speere festlegte. Der Schwerpunkt wurde nach vorn verlegt, so dass die Wurfgeräte nicht mehr so weit fliegen, aber fast immer mit der Spitze in den Rasen einschlagen. Petra Felke redet gern über diese Zeit. „Schließlich hat sie einen großen Teil meines Lebens eingenommen“, begründet sie. Die gebürtige Saalfelderin kam über die Umwege Turnen und Kunstradfahren zum Speerwerfen. Sie reifte an der Seite der zweimaligen Olympiasiegerin Ruth Fuchs in der Trainingsgruppe Karl Hellmann zur Weltklasse-Athletin.
Seoul waren ihren ersten Spiele. 1980 verhinderte eine Verletzung ihren Start, 1984 der Boykott. „Trainingstechnisch war alles bei uns auf die Spiele ausgerichtet. Das Wichtigste waren für uns die Olympischen Spiele. Alles andere waren Zwischenstationen“, berichtet Petra Felke, die ein Jahr vor den Spielen Vize-Weltmeisterin in Rom wurde. Ihre Erinnerungen sind voll schöner Momente. Sei es in Vorbereitung auf die Spiele das Zusammenkommen aller DDR-Athleten in Kienbaum. Mannschaftsneulinge wurden getauft. Ihre Patin hieß Ruth Fuchs. Das Mannschaftsgefühl wurde gestärkt. Nicht nur das der Leichtathleten. Zu diesem Zeitpunkt versammelte sich ein Großteil der DDR-Olympioniken in Kienbaum. Aus Neugier schaute sie gelegentlich bei den anderen Athleten vorbei. Eingekleidet wurde sich geschlossen in Berlin.
In Seoul ging alles auf. „Für mich hat dort einfach alles gepasst“, sagt sie rückblickend. „Die Atmosphäre war freundlich. Man ist mit den Menschen ins Gespräch gekommen.“ Einen „Wow“-Moment erlebt sie derweil im olympischen Dorf. Dafür sorgte keine geringere als die einstige Tennis-Königin Steffi Graf. Man begegnete sich im Vorbeigehen oder in der großen Mensa. Die DDR-Sportler sollten gegenüber dem „Klassenfeind“ aus der BRD aber zurückhaltend bleiben. Das änderte nichts an der großartigen Stimmung, die Sportfamilie war in diesen Tagen vereint.
Zwischen zwei Systemen
Nach der Wiedervereinigung startete die DDR-Olympiasiegerin für das gesamtdeutsche Team. 1991 wurde sie WM-Zweite und bereitete sich entgegen ihrer ursprünglichen Vorhaben auf Olympia 1992 in Barcelona vor. „Mein Plan war 1988 aufzuhören, und mein Trainerstudium zu beenden. Keiner konnte ahnen, dass im Herbst 1989 die Mauer fiel. Mein Plan war immer als Trainerin im Behindertensport zu arbeiten“, erzählt Petra Felke. Mit dem Fall der Mauer kam alles anders. Die DDR gab es nicht mehr. Wende und nun? Das fragte sich auch Petra Felke, die ihre Pläne aufschob. Sie beschreibt diese Jahre als „Verzweiflungsaktion“. 1991 wurde sie nochmals Vize-Weltmeisterin, ein Jahr später folgten die Spiele in Barcelona.
Dass was sie vier Jahre zuvor erlebte und empfand, gab es nicht mehr. „Das Mannschaftsgefühl war 1988 schöner als in Barcelona. Ich bin auch nur für meinen Wettkampf angereist.“ Dass sie dort „einen Blackout im Kopf“ erlebte und einen indiskutablen siebten Platz belegte, passte irgendwie zu der Gesamtsituation. Nach den Spielen war Schluss, sie beendete ihre aktive Karriere und schloss in diesem Jahr ihr Diplomsportlehrer-Studium an der DHfK ab. Den Trainerberuf füllte sie über die Jahre mit großem Engagement und viel Herzblut aus. „Ich habe immer versucht, den Sportlern zu vermitteln, wenn sie sich für den Leistungssport entschieden haben, möglichst immer voll mit dem Herzen dabei sind und möglichst 100 Prozent zu geben“, betont sie und lehrte die Philosophie: „Jedes Training ist eine Niederlage. Es gibt immer etwas, was du besser machen kannst. Dazu gehört ebenso mit Kritik umzugehen.“
Momentan erfährt sie eine der schönsten Seiten am Trainerberuf, wenn sich nämlich ihre ehemaligen Schützlinge melden oder sie ihre Athleten trifft. „Für mich waren sie wie meine eigenen Kinder. Letztens habe ich Marie Bertl in der Stadt getroffen. Da ist immer Zeit für einen Schwatz oder einen Kaffee“, sagt Petra Felke über die Treffen. Besonders stolz ist sie über die Werdegänge: „Alle sind ihren Weg nach ihrer aktiven Laufbahn gegangen. Sie haben studiert oder stehen fest im Berufsleben.“ Für ihre Trainerin hat sich die Tür der Berufswelt offiziell am 1. Oktober bis auf einen kleinen Spalt geschlossen.









