Jena: „Es ist nicht mein Erfolg, es ist unser Erfolg“

Macht es in dieser Saison konstant gut: Speerwerfer Tom Meier hat ein neues Niveau erreicht. Das ihn nun beim Solecup in Schönebeck zu einer neuen Bestmarke führte. Durch den Lautsprecher schallten 77,79 Meter. Ein Moment, erleichternd schön. So schön, dass er diesen Erfolg seiner Mama und Trainerin Petra Felke widmete.

Der Rückblick auf den Schönebecker Solecup fällt verständlicherweise fast durchweg positiv aus. Obwohl er sich am Wettkampftag „sehr kaputt“ fühlte. „Ich hatte am Freitag noch einen Wettkampf, habe am Sonntag trainiert und vielleicht kam der Körper mit der Umstellung im Training durcheinander“, mutmaßt Tom Meier (LC Jena). Das „kaputte“ Gefühl hielt aber nur bis zum Einwerfen. Danach wurde es Schritt für Schritt besser.

Mit der Durchsage kam der Aufschrei

Besser, um gleich im ersten Durchgang seine Bestleistung zu steigern. Nämlich auf 76,11 Meter. Und es ging noch weiter. Im zweiten Versuch ließ er seinen Speer auf 77,79 Meter segeln. „An diesem Tag passte alles zusammen. Das Wind war perfekt und ich habe technisch besser geworfen“, blickt der 24-Jährige zurück. Dass er im Weitenbereich zwischen 75 und 78 Meter werfen kann, zeichnete sich im Training ab. Im Wettkampf fühlte sich die neue Marke nochmals um einiges besser an. „Ich hatte es überhaupt nicht im Gefühl. Die Pylonen standen bei 75 und 80 Meter. Die nächste bei der Olympianorm von 85 Meter. Für mich war es in dem Moment schwierig einzuschätzen, wie weit der Speer geflogen war.“

Mit der Stadiondurchsage kam der erlösende Aufschrei. Und plötzlich scheinen die 80 Meter nicht mehr weit. Für Tom Meier allerdings schon. „Die 2,21 Meter, die mir noch bis zu den 80 Metern fehlen, hören sich vielleicht lapidar an. Es ist einfach so, dass es bis zur 80-Meter-Marke noch ziemlich weit ist.“ Im Gegenzug könnte man konntern, dass er seine Bestleistung innerhalb von einem guten Monat um mehr als vier Meter von 73,66 auf 77,79 Meter steigern konnte. Was an sich schon eine beachtliche Leistung ist. Unter Druck setzen lassen möchte er sich für die 80 Meter aber nicht.

Für neue Bestmarken muss alles passen

„Ich habe mein Saisonziel schon erreicht“, überrascht er plötzlich mit dieser Aussage im Gespräch. „Ich habe mir in dieser Saison keine Weite als Ziel gesetzt. Viel mehr wollte ich herausfinden, ob ich schon mein Maximum erreicht habe. Die 73 oder 74 Meter der Vorsaison waren es nicht. Vielleicht sind es ja die 77,79 oder 79 Meter. Oder aber die 80 Meter. Das wäre richtig cool, worüber ich mich sehr freuen würde. Im Training gebe ich alles dafür, dass irgendwann die 80 vor dem Komma steht.“

Dafür braucht es wiederum die richtigen Bedingungen. „Wir sind durch unsere Disziplin sehr von äußeren Bedingungen abhängig. Es ist was anderes in Schönebeck oder wie jetzt am Wochenende im Stadion in Braunschweig zu werfen. Das kann man nicht vergleichen. Ich habe gehört, der Tartan wurde in Braunschweig nochmals überholt. Im Vorjahr war er ziemlich weich“, berichtet Tom Meier. Bei den Deutschen Meisterschaften geht es mehr um die Platzierungen, als um eine neue Bestleistung. „Für diese muss ich von mir immer 100 Prozent, wenn nicht sogar noch ein wenig mehr verlangen.“ Es muss halt einfach alles passen. Sowie zuletzt in Schönebeck.

Studium: erstes Jahr in Teilzeit

Sein Leistungsschub hat mehrere Erklärungen. Der größte Faktor betrifft sein Studium. Tom Meier hat in diesem Jahr seine Prioritäten auf den Speerwurf gelegt. „In den Jahren zuvor rückte der Sport für das Medizinstudium in den Hintergrund. Jetzt habe ich ein Jahr, wo der Sport an erste Stelle steht.“ Das ging wiederum nur durch die Unterstützung der Jenaer Universität. „Für mich ist es das erste Jahr, wo ich Teilzeit studieren kann. Davor durchlief ich die acht Semester in der Regelstudienzeit“, erklärt er.

Nun streckt er das 9. und 10. Semester auf zwei Jahre, im nächsten Jahr soll das 2. Staatsexamen folgen. Vorbereitungszeit: vier bis sechs Monate. „Es handelt sich um eine schriftliche Prüfung, an drei aufeinanderfolgenden Tagen müssen wir jeweils 160 Fragen beantworten. Dafür haben wir jeweils fünf Stunden Zeit. Es werden dann alle Fachrichtungen abgerufen“, erklärt Tom Meier den groben Modus. Anschließend folgt das praktische Jahr. Die Fachrichtung ist klar, sie steht seit dem ersten Semester: Neurologie oder Neurochirurgie. Viel Zeit für das Speerwerfen wird ihm dann nicht bleiben.

Umso mehr genießt er diese Zeit jetzt. Geliebäugelt hatte er ein bisschen mit einem internationalen Start. Die Sommer-Universiade im chinesischen Chengdu schwebte ihm vor, sie wurde wegen der Corona-Pandemie um ein Jahr verschoben. „Ich wusste zu Beginn der Saison nicht, ob ich die Norm von 76,50 Meter werfen kann. Die Universiade wurde verschoben, bevor ich die Norm geworfen habe. Ich wäre gern nach China geflogen“, sagt er mit leicht enttäuschter Stimme.

Die Rückkehr zum Spaß am Werfen

Zum Teilzeitstudium gesellten sich weitere Faktoren, die ihn zurückbrachten in die Erfolgsspur. Wie beispielsweise die Ernährung und die Regeneration, mit denen er sich zuvor nur halbherzig beschäftigt habe. Aber auch die Intensitäten der Einheiten trugen mit zum Erfolg bei. „Es war ein langsamer Prozess, aber im Laufe der Zeit kam der Spaß am Werfen zurück.“ Und mit ihm der langersehnte Erfolg. Die 77,79 Meter aus Schönebeck widmete er seiner Mama und Trainerin Petra Felke.

„Es ist nicht mein Erfolg, es ist unser Erfolg“, sagt Tom Meier mit fester Stimme und lässt dann tief in seine Seele blicken. „Meine Mama musste sich in den vergangenen Jahren einiges anhören, warum das Training nicht anschlägt und ich nicht weiter werfe. Das war oftmals nicht ganz einfach für Sie. Sie hat ihre Arbeit in Frage gestellt bekommen. Jetzt kann ich ihr zeigen, es liegt nicht am Training, sondern an meinem Medizinstudium.“ In diesem Sommer dürften gern noch mehr solch schöne Momente folgen. Ganz besonderes für seine Mama und ihn selbst. -sam-