Gera: Der etwas andere Weg

Ihr Trainer ist ihr Papa – und zusammen sind sie ein erfolgreiches Gespann. Gelegentlich sogar ein Trio mit Bruder Constantin, denn Leichtathletik ist bei Hilkes Familiensache. Papa Ronny Hilke begleitete zuletzt seine Tochter Sandrine zu den Deutschen Block-Meisterschaften nach Markt Schwaben. Ein erfolgreicher Ausflug, der für die 13-Jährige mit dem dritten Platz und fünf neuen Bestmarken im Block Lauf endete.

Nach ihrer Rückkehr verbrachte die Familie einige Tage beim Campen in Weida. Das neue Surfbrett wurde ausprobiert. Später hieß es Berge statt Meer: Es folgten entspannte Urlaubstage in Österreich. Es ist auch die Zeit, um abzuschalten und die erfolgreiche Saison Revue passieren zu lassen. Einer der Höhepunkte sicherlich der Saisonabschluss, der mit einer DM-Bronzemedaille gekrönt wurde. Als Zweitplatzierte war Sandrine Hilke (1. SV Gera) im Block Lauf der W14 gemeldet. „Es ist Platz drei geworden. Das ist sehr gut. Es war wirklich erstaunlich, alle Athletinnen auf den ersten drei Plätzen sind noch einmal über sich hinausgewachsen und haben persönliche Bestleistungen abgerufen“, freut sich Ronny Hilke über die Leistungssteigerungen.

Während seine Tochter im Innersten mit einer Medaille geliebäugelt hatte, wagte er eine vorsichtige Prognose. „Ich wollte, dass sie gut durchkommt. Es ist schließlich ein Mehrkampf“, macht er deutlich. Wohl wissend, dass die DM-Vorbereitung etwas anders verlief. Sie wurde nämlich durch eine fünftägige Orchesterreise unterbrochen. Sandrine Hilke besucht einmal wöchentlich die Musikschule, spielt Akkordeon. Nach dem musikalischen Ausflug blieben nur noch wenige Tage, um sich gezielt vorzubereiten. Der Wettergott kannte in dieser Zeit kein Erbarmen, schickte bei drei Einheiten Regen statt Sonnenschein. Die junge Thüringerin kämpfte sich durch.

Das Ball-Dilemma

Wie auch in Markt Schwaben. Fünf Disziplinen standen auf dem Programm. Zum Auftakt die 80 Meter Hürden. Diese verliefen mit Bestzeit und D-Kader-Norm von 12,38 Sekunden sehr erfolgreich. Mit den ersten beiden Runden im darauffolgenden Ballwurf waren beide nicht zufrieden. Erst im dritten platzte der Knoten und es wurden 46,00 Meter als neue Bestmarke vermessen. „Die ersten beiden Würfe habe ich mit dem Handy aufgenommen. Da hat der Wurfarm nicht gestimmt. Wir haben das kurz analysiert und auf Reset gedrückt“, berichtet ihr Papa, der über die Bälle noch eine kleine Rand-Geschichte zu erzählen hat.

Aufgrund der Corona-Lage waren die Teilnehmer angehalten, eigene Bälle mitzubringen. Diese wurden vor dem Wettkampf kontrolliert. So schön, so gut. „Wir hatten neue Bälle dabei, erst wenige Tage zuvor im Laden gekauft.“ Nicht einer sollte durch die Prüfung kommen. Einen Toleranzbereich gab es nicht. „Sie sind alle durch die Schablone gefallen, sie waren zu klein.“ Sie bekamen den Tipp, sich beim Veranstalter Bälle zu leihen. „Wir waren nicht die Ersten, uns wurde dann ausgeholfen.“

Als dritte Disziplin standen die 100 Meter auf dem Programm. Eine Disziplin, die sie weniger mag wie die 80 Meter Hürden. „Die 100 Meter sind für mich hintenraus sehr schwer und zäh“, sagt Sandrine Hilke. Dennoch gab es dort die nächste Bestzeit: 13,26 Sekunden. Im Weitsprung saß gleich der erste Versuch mit 4,97 Meter. In der zweiten Runde waren es 4,90 Meter. „Wir haben uns dann entschieden, den dritten Durchgang auszulassen und nichts mehr zu riskieren“, meint ihr Papa.

Nicht allein die Körpergröße zählt

Vielleicht auch im Bewusstsein, es kommen abschließend noch die 2.000 Meter - quälende fünf Runden. „Ab der dritten Runde ging es ordentlich auf die Beine und wurde richtig schwer“, blickt Sandrine Hilke auf den Lauf zurück. Ihr Papa wurde zum Lautsprecher, der seine Tochter kräftig anfeuerte. Das half, sie steigerte ihre Bestzeit um mehr als fünf Sekunden auf 7:42,87 Minuten. In der Summe standen 2.636 Punkte als neue Bestleistung im Protokoll sowie der dritte Platz. „Das war ein mega spannender Wettkampf. Auch für mich. Das war eine grandiose Leistung von Sandrine und so nicht zu erwarten“, zeigt sich ihr Papa begeistert.

Noch dazu kämpfte sich „die Kleine“ durch. Mit ihren 1,58 Meter zählt sie eher zu den kleineren Athleten in der W14. „Die anderen Athletinnen waren alle einen oder zwei Köpfe größer. Das ist schon viel“, merkt Sandrine Hilke an. Sie ist klein, aber ein Kämpfertyp und macht sich auf ihre Art groß. Als Siebenjährige fand sie den Weg in die Leichtathletik. Zuerst im Kindersport an der Grundschule. „Sie sollte sich mal im Crosslauf ausprobieren und ist auf der Strecke fast zusammengebrochen. Das sah wirklich nicht gut aus“, erinnert sich Ronny Hilke. Dieses Erlebnis schreckte sie nicht ab. Über kürzere Crossläufe und kleinere Wettkämpfe tastete sie sich langsam heran. Dann folgte ein Dreikampf.

Perspektive: Einzel-Disziplin statt Mehrkampf

Ronny Hilke sieht seine Tochter perspektivisch nicht im Mehrkampf, eher in einer Einzeldisziplin. Wie aktuell über die 300 Meter Hürden. Eine Strecke, die ihr bei den Mitteldeutschen Meisterschaften in Haldensleben einen zweiten Platz bescherte sowie eine überragende neue Bestzeit von 45,52 Sekunden. Mit dieser erfüllte sie sogleich die Norm für die Einzel-DM in Hannover. „Sie war mit einer tiefen 48er Zeit angereist. Ihre neue Bestzeit ist schon der Hammer und kam sehr überraschend. Leider ist sie für einen DM-Start noch zu jung“, bedauert ihr Papa.

Imposant: Zum Saisonstart in Dresden lief sie erstmals überhaupt die 300 Meter Hürden. „Sie hat mir dort über die Strecke sehr gut gefallen, viel besser als über 300 Meter flach. Die Hürde bringt eine gewisse Abwechslung mit rein.“ Sie probieren aus, sind mutig. Wie auch im Training. In der Vorbereitung mussten sie größtenteils improvisieren. Die Corona-Lage ließ kein normales Training zu. Also Wald statt Stadion, Feld statt Tartanbahn. „Wir haben in Ronneburg trainiert und dafür das Gelände der ehemaligen Bundesgartenschau genutzt. Wir sind über eine der längsten Holzbrücken Deutschlands gerannt und haben Treppen- und Bergläufe gemacht“, schildert Ronny Hilke die etwas andere Vorbereitung, mit der zahlreiche Thüringer Athleten zu kämpfen hatten.

Nicht nur Leichtathletik

Die Leichtathletik ist inzwischen ein Familiending. Der zwei Jahre jüngere Bruder, Constantin, sorgt für den nötigen Druck. Er sei schon ähnlich erfolgreich unterwegs wie seine Schwester. In Gera betreut Ronny Hilke eine Trainingsgruppe mit bis zu zehn Kindern. Mit dabei seine eigenen, die zusätzlich in der Woche zwei speziellere Extraeinheiten absolvieren. „Wir gehen mit Spaß an die Sache heran. Da gibt es zur Auflockerung mal kleine Spiele wie Fußball. Natürlich gibt es auch Tage, an denen das Training hart ist. Das gehört auch dazu“, verdeutlicht ihr Papa die Situation.

Die Leichtathletik gehört zur Familie, ist aber nicht alleiniges Gesprächsthema. Noch mehr im Fokus steht die Schule wie die Musikschule. Es gibt immer etwas zu erzählen. Und dann rückt für einen kleinen Moment der Sport wieder in den Fokus, als in der Rückschau der dritte DM-Platz in Markt Schwaben bei allen für glänzende Augen sorgt. -sam-