Eugene: Julian Wagner bleibt vor WM-Premiere gelassen

10,05 Sekunden: Eine Zeit, die für Julian Wagner bisher unerreicht blieb. Seine Hausrekord über 100 Meter steht bei 10,11 Sekunden. Eben jene 10,05 Sekunden waren als Norm für einen Einzelstart über 100 Meter bei den Weltmeisterschaften in Eugene, Oregon (USA; 15. bis 24. Juli) gefordert. Obwohl Julian Wagner diesen Richtwert nicht erreichte, wurde er jüngst vom Deutschen Leichtathletik-Verband für einen Einzelstart nominiert. Möglich machte dies die Weltrangliste, für die er in den zurückliegenden Monaten bei höherklassigen Meetings startete und eifrig Punkte sammelte. Weiterhin nominiert ist der 24-jährige Erfurter für die DLV-Sprintstaffel, der Einsatz offen.

„Unser Ziel war es, einen Einzelstart über die Weltrangliste zu forcieren. Sein dritter Platz beim ISTAF in Berlin hat ordentlich Punkte gebracht. Ebenso wie sein zweiter Platz bei den Deutschen Meisterschaften in Berlin. Insofern war es ein bisschen eine glückliche Fügung“, sagt sein Trainer Tobias Schneider. Große Freude bei seinem Athleten, als der DLV sein Aufgebot für die Weltmeisterschaften bekanntgab und sein Name gleich doppelt zu lesen war. „Ich habe mich darüber sehr gefreut. Allein schon deshalb, weil lange kein deutscher Sprinter über die Einzelstrecke nominiert wurde. Letztmals gelang das Julian Reus [2017, WM London]. Umso mehr freue ich mich, bei solch einem Großereignis in einer Leichtathletik-Hochburg wie in Eugene laufen zu dürfen“, sieht Julian Wagner (LC Top Team Thüringen) seinem Einzelstart mit voller Vorfreude entgegen.

"Ich habe nichts zu verlieren"

Spaß und Freude gepaart mit Konzentration und Motivation sollen ihn durch seine ersten Weltmeisterschaften bei den Aktiven tragen. Getragen haben ihn Geduld und zahlreiche motivierende Worte durch den vergangenen Sommer, als ihn das Verletzungspech ereilte und sein Olympia-Traum zerplatzte. Er ließ daraufhin eine grandiose Late Season folgen, sie gab ihm die nötige Stärke und Sicherheit zurück und ebnete den Weg für Eugene (WM) und München (EM; 15. bis 21. August). „Natürlich freut man sich, dass in diesem Jahr alles so gut aufgegangen ist, man für die Höhepunkte nominiert wurde und auch gesund ist. Es war natürlich sehr ärgerlich, dass ich die Olympischen Spiele verpasst habe. Die Weltmeisterschaften sind eine kleine Wiedergutmachung, aber das reicht niemals an eine Olympia-Nominierung heran“, sagt Julian Wagner.

Für ihn ist es sein erster WM-Einsatz bei den Aktiven. Ein bisschen Nervosität gehört da einfach dazu. „Gerade beim ersten WM-Einsatz ist man noch ein bisschen mehr nervöser, aber ich kann damit sehr gut umgehen und habe nichts zu verlieren. Mit diesem Motto gehe ich auch an die WM heran und versuche, das Beste daraus zu machen“, betont Julian Wagner, der ganz entspannt und mit einem guten Gefühl seinem WM-Start entgegensieht. Die Generalprobe im Berliner Olympiastadion verlief mit 10,12 Sekunden recht schnell wie erfolgreich. Als DM-Zweiter verließ er das Stadion. „Ich bin bei den Meisterschaften unter Druck zum dritten Mal in dieser Saison eine 10,12 gelaufen. Mein Ziel wird es sein, diese Leistungen, die ich zuvor gezeigt habe, auch in Eugene abzurufen.“

Trainerwunsch: 10,12 Sekunden im Vorlauf

Sein Trainer kann dem nur beipflichten: „Ich freue mich sehr, dass er sich jetzt bei der WM zeigen kann. Ihn erwartet eine sehr schnelle Bahn. Ich würde mir wünschen, dass er zum vierten Mal eine 10,12 läuft. Das wäre grandios. Wenn er unter 10,20 Sekunden bleibt, das wäre schon ein großer Erfolg. Über den Einzug ins Halbfinale würden wir uns beide sehr freuen. Vielleicht ergibt sich für ihn sogar die Möglichkeit gegen Sprintgrößen wie Andre de Grasse [Kanada] oder Fred Kerley [USA] zu rennen. Er soll einfach Spaß haben und die Erfahrung mitnehmen.“ Für den Vorlauf müssen sich die deutschen Fans den Wecker stellen und zwar auf 3:50 Uhr. Die erste Runde beginnt am ersten WM-Tag um 18.50 Uhr (Ortszeit).

Um an die Leistungen aus den Vorwochen anzuknüpfen, wurde in Erfurt ein dreiwöchiger Trainingsblock eingelegt. Mit dem Fokus auf die Beschleunigungsphase. „In dieser Zeit wurde ich noch mal ordentlich gequält und war danach auch teilweise ziemlich platt. Die Deutschen Meisterschaften bin ich dementsprechend aus dem vollen Training gelaufen, um zielgerichtet die Europameisterschaften vorzubereiten“, erklärt Julian Wagner. Dem schloss sich ein mehrtägiges WM-Trainingscamp im kalifornischen Santa Barbara an. Diese Tage wurden vorrangig genutzt, um sich anzupassen. Schließlich galt es eine Zeitverschiebung von neun Stunden zu bewältigen.

Pre-Camp zum Runterkommen

„Die Zeit nutzen wir, die Trainingseinheiten der letzten Wochen wirken zu lassen und frisch zu werden, um gut vorbereitet auf die WM zu blicken. Hier wird nicht mehr großartig trainiert“, berichtet Julian Wagner, der die Zeit vor Ort nutzte, um sich die Stadt und den Strand anzuschauen. „Das ist der Vorteil, dass man sich mal die Beine vertritt und nicht nur auf dem Zimmer rumliegt. Man kann ein bisschen entspannen und den Stress der letzten Wochen ein wenig sacken lassen. Das können wir hier sehr gut, weil wir in einem College untergebracht sind. Es sind gerade Ferien und somit ist es sehr ruhig, alles ist entspannt und es gibt gutes Essen. Uns geht es hier schon sehr gut.“

Seinem Ritual vor Wettkämpfen will er dabei treu bleiben. „Pizza macht schnell“, lautet seine Devise auch in Eugene. Solle es keine Pizzeria vor Ort geben, Julian Wagner hat auch dafür schon eine Lösung parat. „Dann werde ich mir einfach eine per Lieferservice bestellen. Ich denke, heutzutage wo es Fast Food an jeder Ecke in Amerika gibt, sollte das gar kein Problem sein.“ In diesem Sommer hat er schon mehrfach bewiesen, dass sich Pizza und Schnelligkeit gut vertragen. -sam-

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