Erfurt/Potsdam: Gute-Laune-Musik gegen die Aufregung

Noch wenige Tage bis zu den Deutschen Meisterschaften im Straßengehen. Auf dem Frankfurter Messegelände werden am 10. April die nationalen Meistertitel vergeben. Für zwei Erfurterinnen könnte sich dort schon ein internationaler Traum erfüllen. Die Nachwuchs-Geherinnen Lena und Sina Riedel (ASV Erfurt) wollen bei ihrer Premiere über 10.000 Meter den Richtwert für die U20-Europameisterschaften in Tallinn (Estland; 15. bis 18. Juli) angreifen. Gefordert sind 49:00 Minuten.

Niemand ist so stark verbunden wie eineiige Zwillinge. Es ist schon etwas ganz Besonderes, die Verbindung zueinander wie ein unsichtbares Band. Und doch steht jede für sich – mit ihren charakterlichen Eigenschaften, mit ihren Stärken und Schwächen. Auf dem ersten Blick sehen sie gleich aus. Die schwarzen langen Haare, die Gesichtszüge, das Äußere - immer wieder wandern die Blicke ihres Gegenübers von rechts nach links und von links nach rechts. Beim besten Willen, nein, die Mädchen müssen helfen. Kennt man sie näher, dann wird schnell klar, wer Lena und wer Sina ist.

Unterstützng von der Familie

Sina ist die Jüngere. Sie beschreibt sich als zurückhaltender. „Ich brauche immer etwas Zeit, um Aufzutauen.“ In ihrer Familie sind Lena und Sina die Jüngsten. „Wir haben noch einen Halbbruder und eine Halbschwester, sie sind älter.“ Von der Familie erfuhren Lena und Sina nur positive Unterstützung, sich an einer Randsportart auszuprobieren. „Eigentlich haben sie es sogar richtig gut gefunden. Sie haben dann doch schnell gemerkt, das uns das Gehen sichtlich Spaß macht und wir erfolgreich sind“, berichtet Sina Riedel, die wie ihre Schwester zur siebten Klassen auf die Sportschule nach Erfurt wechselte.

Nicht wie Lena zunächst als Schwimmerin, sondern als Leichtathletin. „Bei uns liefen Schwimmen und Leichtathletik bis zum Wechsel an die Sportschule parallel. Ab diesem Zeitpunkt haben sich unsere sportlichen Wege erstmal getrennt. Aber nur für ein Jahr. Für mich ist Gehen eine sehr herausfordernde Disziplin. Wenn man merkt, es läuft gut und man kann in dieser Disziplin seine sportlichen Ziele erreichen, dann übt das schon einen gewissen Reiz aus“, erläutert Sina Riedel.

Ebenso wie neuerdings das Radfahren, das für beide eine gelungene Abwechslung bietet. Zugleich helfen die Ausfahrten. Sie machen den Kopf frei. „Wir sind seit Jahresbeginn mit den Rädern unterwegs und haben einen guten Ausgleich gefunden. Inspiriert wurden wir durch Marcel Lehmberg und Pascal Unbehaun. Aber auch von anderen Erfurter Sportlern wie Karl Junghannß. Durch das Radfahren haben wir gemerkt, dass wir leistungsmäßig nicht allzu viel verloren haben. Das hat sich als kleiner Vorteil in dieser Zeit erwiesen“, sieht Sina Riedel die positiven Seiten.

Keine "normalen" Meisterschaften

Es sind die letzten Tage vor den Deutschen Meisterschaften. Im Vorjahr gab es keine. Jetzt herrschte kollektives Aufatmen, als ein Termin benannt wurde. Dass es keine „normalen“ nationalen Titelkämpfe werden, dessen ist sich Sina Riedel bewusst. Gegangen wird auf einem flachen, asphaltierten 2-Kilometer-Rundkurs auf dem Frankfurter Messegelände. Ohne Zuschauer. „Für uns ist es natürlich schöner, wenn die Familie oder Freunde an der Strecke stehen und uns anfeuern. Anderseits sind wir sehr dankbar, dass in diesem Jahr überhaupt Deutsche Meisterschaften für uns Geher stattfinden“, macht die 18-Jährige deutlich.

Auch wenn nur eine geringe Zahl an Teilnehmern vor Ort sein wird, wird dennoch genug Betrieb auf der Runde sein. „Wir starten alle zeitgleich. So können wir uns ein wenig an den vor uns Gehenden orientieren.“ Auf der Strecke ist dann sicherlich auch ihre Nervosität ein wenig verflogen. Das ist nämlich so ein Punkt, der ihr zuweilen die nötige Lockerheit nimmt. „Vor dem Wettkampf bin ich extrem aufgeregt. Dass ich am Start einen klaren Kopf behalte, daran muss ich noch arbeiten.“ Helfen soll ein kleines, legales Mittel. Nämlich Musik, die gute Laune bringt. Darauf schwören beide. Die DM-Playlist haben Marcel Lehmberg und Pascal Unbehaun erstellt. So wie die beiden Lena und Sina unterstützen, helfen die Zwillinge an ihren trainingsfreien Sonntagen gern im Erfurter Spendencafé Pamati aus.

Kräfte im Rennen richtig einteilen

Zurück zum Sportlichen: Eigentlich gab es für die Zwillinge vor zwei Jahren im schweizerischen Lugano die Premiere über 10.000 Meter. Das war mehr ein erster Test. Für Sina war es zugleich die Rückkehr nach einer mehrmonatigen Verletzungspause. „Das Rennen war für mich schon ziemlich hart. Mir fehlte zu diesem Zeitpunkt einfach das regelmäßige Training für eine ansprechende Zeit“, blickt sie zurück. Nun ist die Ausgangslage eine andere, eine bessere.

Das Training verlief bis auf eine zweiwöchige Auszeit (Überlastung der Sehne im Fuß) ohne größere Zwischenfälle. Jetzt fiebern sie ihrem Saisonstart über 10.000 Meter entgegen. In ihrem letzten U20-Jahr wollen sie sich den Traum von ihrem ersten internationalen Einsatz erfüllen. Um sich für die U20-EM zu qualifizieren, sind 49:00 Minuten gefordert. „Es wäre einfach nur großartig, sollten wir die Norm erfüllen und für uns eine Bestätigung, wofür wir jeden Tag aufstehen und trainieren.“

Für dieses sportliche Ziel peilen sie Kilometerzeiten zwischen 4:55 und 5:00 Minuten an. Wenngleich Sina die zweiten 5 Kilometer als „Knackpunkt“ sieht. „Im zweiten Abschnitt muss man schon ordentlich beißen und versuchen die Zeitvorgaben einzuhalten. Im Rennen wird es darauf ankommen, sich seine Kräfte gut einzuteilen und dann hintenheraus ordentlich Gas zu geben.“ Schließlich gibt es da einen sportlichen Traum, der sich in ihrem letzten Nachwuchsjahr gern erfüllen darf. -sam-