Erfurt: Sprinter Julian Wagner beeindruckt in der Late Season

Eine Late Season wie im Traum: Julian Wagner begeistert mit Spitzenzeiten über 100 Meter. Keinesfalls selbstverständlich. Mitte April erhielt der Erfurter Sprinter die schmerzvolle Diagnose: Muskelfaserriss im Oberschenkel. Die Saisonträume wie ein Startplatz bei den Staffel-Weltmeisterschaften mit der DLV-Sprintstaffel sowie der damit verbundenen möglichen Teilnahme an den Olympischen Spielen in Tokio platzten. Stattdessen leistete das medizinische Team um den Erfurter Sportmediziner Dr. Gerald Lutz sowie die Physiotherapie Torsten Rocktäschel ganze Arbeit für einen späten Saisoneinstieg. Mit Erfolg.

So recht will man sie nicht glauben. Diese Zahlen, diese Zeit: 10,11 Sekunden blinkten als Siegerzeit für Julian Wagner (Top Team Thüringen) nach seinem Finallauf über 100 Meter beim internationalen Meeting in Schifflange in den Live-Ergebnissen auf. Unfassbar. Nochmal langsam zum Mitschreiben - zehn Komma elf. Da stand eine beeindruckende neue Bestzeit für den 23-Jährigen, der sie bei Windstille lief. Nicht auszumalen, wenn der Wind im regulären Bereich mal kräftig von hinten weht. Es sind kurze aufkommende Gedankenspiele. Mehr nicht.

Leistung macht sprachtlos

Es sind Schritte, die sprachlos machen. Mit dieser Spitzenzeit hat er selbst seinen Trainer Tobias Schneider ziemlich beeindruckt: „Nach so einem Rennen und dieser Zeit fehlen einem eigentlich die Worte. Gerade nach dem vergangenen Wochenende in der Schweiz jetzt bei Windstille eine 10,11 hinzulegen, das ist eine absolut grandiose Leistung, die man sich nicht erträumt hat. Dass es am Ende so aufgeht, insbesondere nach dem körperlich anstrengenden Wochenende in der Schweiz, und dann so einen draufzusetzen, zeigt eigentlich, dass er in den vergangenen anderthalb Jahren gewachsen ist und zeigt, zu was er fähig ist.“

Wenige Tage zuvor im schweizerischen La Chaux-de-Fonds verhinderten wechselnde Winde eine echte Traumzeit. Im Vorlauf noch gehöriger Gegenwind (10,21 sec), im Finale ordentlicher Rückenwind. Leider nicht im zulässigen Bereich von 2,0 Metern pro Sekunde. Seine Finalzeit von 10,00 Sekunden mal eben vom Winde verweht. Wie auch die von Sprinter-Kollege Lucas Ansah-Peprah (Hamburger SV; 9,98 sec), die beide unter dem deutschen Rekord von Julian Reus (Top Team Thüringen; 10,01 sec) blieben. Aber aufgrund der unzulässigen Windunterstützung (+2,5 m/s) sollte es keinen neuen Rekordhalter geben. „Man kann die Bedingungen vor Ort nicht beeinflussen. Das ist dann natürlich sehr, sehr schade. Dennoch habe ich für mich aus diesem Rennen mitgenommen, dass ich weiß, ich kann diese Geschwindigkeiten auch laufen“, sagt Julian Wagner.

München als erster kleiner Meilenstein, EM-Norm in Schifflange

Schon bei seinem späten Saisoneinstieg in München hatte er das Lächeln auf seinen Lippen. Erstmals in seiner Sprinter-Karriere lief er unter die Marke von 10,30 Sekunden. Seine alte Bestmarke stand bei 10,31 Sekunden, nach dem Rennen bei 10,28 Sekunden. Ein erster kleiner Meilenstein in der Late Season. Weitere sollten folgen. Der letzte hievte ihn nun sogar an die Spitze der deutschen Jahresbestenliste. Kein deutscher Sprinter war in diesem Sommer schneller. Schaut man weiter nach Europa folgte der Sprung in die Top Ten. Unglaublich.

„Das Ziel ist erreicht mit der Jahresbestleistung. Dass es am Ende so schnell wurde, darüber freue ich ganz besonders. Ich bin wirklich sehr, sehr zufrieden. Vor allem mit der EM-Norm für 2022, die bei 10,16 Sekunden steht. Auch die habe ich jetzt schon vorzeitig abgehakt. Das war ein sehr gelungener Wettkampf gewesen“, resümiert Julian Wagner sichtlich zufrieden. Es sind Zeiten, die beeindrucken. Es sind Zeiten, die nicht selbstverständlich sind. Es sind Zeiten, an die Mitte April keiner zu denken wagte.

Staffel-Trainingslager endet vorzeitig

Ein Trainingslager voller Hoffnungen und Sehnsüchte. Den ganz großen Traum vor Augen: Olympische Spiele. Es kam anders. Auf Gran Canaria bereiteten sich ausgewählte DLV-Sprinter für ihren Staffel-Einsatz bei der Staffel-WM in Chorzow vor. Zu den Auserwählten zählte Julian Wagner, der emotionale Tage erlebte und sich in der vierwöchigen Vorbereitung verletzte. „Zunächst war es noch keine richtige Verletzung. Anfangs war der Beuger fest. Wir haben der Sache etwas Ruhe gegeben. Nach zwei, drei Tagen war es dann wieder besser. Zum Ende des Trainingslagers habe ich mich dann richtig verletzt. Ich hatte beim Gehen unheimliche Schmerzen“, berichtet Julian Wagner und ergänzt, „das wurde zwar von einem Arzt vor Ort behandelt, aber die Schmerzen traten immer wieder auf. Die Verletzung war schlussendlich schlimmer wie gedacht“. Einige Tage vor dem regulären Abflug ging es für ihn zurück nach Erfurt.

Beim Team um Sportmediziner Dr. Gerald Lutz war er in besten Händen. Es folgte ein MRT, die Diagnose und schlussendlich eine Narbe, die Probleme bereitete. Schließlich zog sich der Heilungsprozess länger als gedacht. Resultieren könnte die Verletzung aus dem zu kurzen Wechsel von der Hallen-Saison ins Trainingslager. „Für den Aufbau hatte ich viel weniger Zeit, was dem Körper nicht gut getan hat. Das hat von der Planung nicht gepasst.“ Das medizinische Team in Erfurt wie auch Physiotherapeutin Melanie Squara leisteten ganze Arbeit. Dafür kann Julian Wagner ihnen nicht genug danken. Mittels der engagierten und unermüdlichen Arbeit dieses Teams und seines Trainers konnte eine Late Season mit grandiosen Zeiten verwirklicht werden.

Trainingstagebuch als stetiger Begleiter

Im Trainingstagebuch findet sich dann auch jener Tag, wo er das Training wieder aufnahm. Seit seinem Start in der Trainingsgruppe von Gerhard Jäger führt er schon diese Art von Buch. Beginnend vor sieben Jahren. „Ich schreibe mir jeden Tag auf, was ich gemacht habe. Damit ich das auch noch Tage oder Wochen später immer noch nachvollziehen kann. Im Kraftraum, was für Gewichte, wie viele Winderholungen. Bei mir hat sich über die Jahre ein gewisser Trainingsrhythmus ergeben“, berichtet er über seinen stetigen Begleiter.

Die Vorbereitung verlief dann ohne größere Probleme. Mal nur den Fokus auf den Sport legen, lautete die Devise im einwöchigen Trainingslager in Kienbaum. Schon dort deutete sich viel Positives wie eine neue Bestzeit von 2,675 Sekunden über 30 Meter fliegend an. Diese gab Auftrieb, Rückenwind für den Saisonstart in München, der mit persönlicher Bestleistung von 10,28 Sekunden schneller als erwartet verlief. Als Saisonziel hatten sich Athlet wie Trainer die deutsche Jahresbestleistung als Ziel gesetzt. Diese stand vor dem Meeting in Schifflange bei 10,19 Sekunden.

Stolzer Trainer, Saisonabschluss beim ISTAF

„An diesem Tag muss einfach alles passen. Ich muss in Form sein und man muss ein wenig Glück haben, dass es keinen Gegenwind gibt“, benennt Julian Wagner die Faktoren für einen richtig schnellen Lauf. Die Formel ging in Schifflange fast auf. Windstille im Finale, 10,11 Sekunden auf dem Papier. „Wir freuen uns, dass er ganz oben steht, gesund ist und wir es geschafft haben, diesen Sommer noch solche Leistungen zu produzieren. Darauf bin ich unheimlich stolz“, zeigt sich Tobias Schneider dankbar.

Einen Termin in dieser Saison soll es noch geben. Die Vorfreude ist bei seinem Athleten dementsprechend groß, wenn er erstmals beim ISTAF in Berlin (12. September) starten wird. Danach ist für Julia Wagner die kurze wie jetzt schon mehr als erfolgreiche Saison beendet.

„So können wir mit gutem Selbstbewusstsein in das nächste Jahr gehen“, sagt Tobias Schneider. Der Weg ist der richtige. Eine Hürde gilt es noch zu überwinden. Julian Wagner steht kurz vor seinem Abschluss seiner Ausbildung als Mechatroniker bei Garant. Danach will er sich „ein, zwei Jahre oder noch länger ganz auf den Sport konzentrieren“ und weiter angreifen. Schon allein der Sommer 2022 bietet wundervolle Höhepunkte mit er Heim-EM in München oder den Weltmeisterschaften in Eugene (USA). Diese Träume bleiben und sollen nicht wieder auf dem Weg dorthin zerplatzen. -sam-