Erfurt: Sprinter Aleksandar Askovic stellt die Weichen neu

Neustart in Erfurt: Im Dezember folgte Aleksandar Askovic seinem Bauchgefühl. Der Sprinter der LG Augsburg wechselte von München nach Erfurt - und schloss sich dort der Leistungsgruppe um den zweifachen deutschen Rekordhalter Julian Reus an. Der Wechsel geschah nicht ganz freiwillig, Sein Trainer Patrick Saile ist Schweizer Nationaltrainer geworden, arbeitet in Zürich. Nach einer eher durchwachsenen Hallensaison will der Sprinter vom Top Team Thüringen im Sommer richtig durchstarten.

Leicht fiel ihm diese Entscheidung nicht. Aleksandar Askovic musste handeln und loslassen. Im Vorjahr verlor die Trainingsgruppe mit Patrick Saile sein prägendes Gesicht. Dieser war bis Herbst Sprint-Landestrainer in München. Was nun? „Die Option bestand vor Ort weiterzumachen. Durch die Corona-Situation war es für mich eine schwierige Zeit. Ich musste mich umschauen, wo und wie ich weitermache“, berichtet der 23-Jährige. Leistungsstarke Sprintgruppen gibt es in Deutschland einige beispielsweise in Erfurt, Wetzlar oder Leipzig. Das Pendel schlug zugunsten der Erfurter aus. Das Zünglein an der Waage: Julian Reus.

Neues Umfeld

„Er hat mir Erfurt sehr ans Herz gelegt. Ich kann hier bei Topleuten um ihn herum trainieren. Ich kann von seiner Erfahrung profitieren. Er ist Rekordhalter über 60 und 100 Meter. Das ist einfach unbezahlbar“, zeigt sich Aleksandar Askovic über sein neues Umfeld begeistert. Ferner hat er mit Julian Wagner einen gleichaltrigen Teampartner an seiner Seite. „Er ist einer meiner Konkurrenten. Im positiven Sinne. Er hat mich immer gespusht, schneller als er zu sein. Wir können im Training voneinander profitieren und uns verbessern.“

Die vergangenen vier Wochen musste die Trainingsgruppe auf seine zwei Julians verzichten. Sie bereiteten sich mit dem deutschen Sprintteam im Trainingslager auf Gran Canaria auf den Saisonstart (World Athletics Relays) vor. Allein war Aleksandar Askovic trotzdem nicht. Zum Erfurter Sprintquartett gehört weiterhin Luis Brandner, er ist der Jüngste in der Leistungsgruppe um Trainer Tobias Schneider. „Mit seinen jungen Jahren gibt es mit Luis ordentlich Schwung von unten“, weiß der gebürtige Augsburger, der in dieser kurzen wie intensiven Zeit insbesondere das „sehr individuell organisierte Training“ sehr schätzen gelernt hat. Die Woche über trainiert er in Erfurt, die Wochenenden verbringt er größtenteils bei seiner Freundin in München.

„Wir bekommen wöchentlich zum Sonntag unseren Plan und dann weiß ich, was auf mich in der Woche zukommt“, sagt der Dritte der Hallen-DM von 2020. Weit zum Training hat er es nicht. Vom Haus der Athleten fällt er quasi in die Trainingshalle und ins Stadion. Alles ist fußläufig innerhalb von wenigen Minuten zu erreichen. „Ich konnte die vergangenen Wochen ohne Einschränkungen trainieren. Wir sind hier relativ isoliert und ich bewege mich in einem kleinen Radius“, berichtet der sympathische „Wahl“-Erfurter.

Belgrad bleibt im Herzen

Die Stadt mit den verwinkelten Gassen, der Krämerbrücke und dem Domplatz gefiele ihm, erinnere sie ihn doch ein wenig an Augsburg und Belgrad. Letztere ist seine Geburtsstadt. Er war Vier, als seine Eltern Belgrad verließen. Sie zogen nach Augsburg, sein Vater bekam dort einen Job. Belgrad war nie vergessen. Jede Ferien ging es wieder zurück. „Die Fahrten mit dem Auto, das war schon ein Erlebnis. Und sie haben ein Stück weit meine Kindheit geprägt. Belgrad ist fest in meinem Herzen verankert.“

Sportlich ist es die Liebe zur Leichtathletik. Dabei zeigte sich früh, er ist ein Springertyp. Ob weit oder hoch mit dem Stab, es beflügelte ihn. Sein Mutter war seine anfangs seine Trainerin. Mit den Jahren, mit den Trainern sowie einer Verletzung kam immer mehr die Fokussierung auf den Sprint. Es lief gut. Im Vorjahr sogar ausgezeichnet gut. Zumindest bis zur Hallensaison – DM-Bronze und Bestzeit (6,65 sec). Dann kam Corona. Zwangspause. Er wollte festhalten. An der zweiten Liebe – dem Sprint. Neue Impulse erhofft er sich in Erfurt, wo er an seine starken Leistungen aus dem Vorjahr anknüpfen möchte.

Neustart mit Anlaufschwierigkeiten

In der Hallensaison zündete das neue Konzept bei ihm noch nicht. Teils bedingt durch den späten Einstieg in die Vorbereitung. „Es gibt Athleten, bei denen eine Konzeptänderung auf Anhieb funktioniert. Andere brauchen wiederum länger. Ich wurde dann einfach auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Hallensaison verlief einfach nicht so, wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ich brauche einfach noch Zeit, um mich mit dem neuen Konzept zurechtzufinden.“ Aus einer eh schon kurzen Hallensaison wurden lediglich zwei Wettkämpfe sowie ein Trainings-Wettkampf mit Leistungsdiagnostik in Leipzig. Seine Bestzeit: 6,74 Sekunden.

Er beendete die Saison, vorzeitig. Kein Start bei der Hallen-DM: Aleksandar Askovic schrieb eine wichtige Prüfung fürs Studium, einen Tag vor den Titelkämpfen. „Nach der Prüfung hätte ich mich fünf Stunden in den Zug setzen müssen. Mit einer Anreise kurz vor dem Wettkampf habe ich schon schlechte Erfahrungen gesammelt und dann Krämpfe im Rennen bekommen.“ Für ein einziges Rennen? Der Aufwand zu groß, die Form zu schwach, um wie 2020 im Medaillenkampf einzugreifen. Aleksandar Askovic studiert, Materialwissenschaften und Werkstofftechnik an der Uni Augsburg. In seinem letzten Semester vor der Abschlussarbeit erwartet ihn im Sommer noch ein Präsenzpraktikum. Optimistisch blickt er dieser Phase entgegen. „Das lässt sich hoffentlich alles gut regeln, mit einem zusätzlichen Tag in Augsburg.“

Umstellung braucht Zeit

Vollgas ist seit acht Wochen im Training angesagt. Das Gefühl ein anderes wie noch im Winter. „Von der Intensität war es doch ein anderes Kaliber. Mit den neun statt sechs Einheiten musste ich erstmal zurechtkommen. Es war aber genau das, was ich wollte. Ich will über mein Limit gehen“, sagt Aleksandar Askovic. Auch wenn es wehtut, schlaucht und müde macht. Dazu wurde akribisch an kleineren Stellschrauben wie Körperhaltung und der Beinarbeit gedreht. „Vom Bewegungsbild versuche ich mich an Julian Reus zu orientieren. Wir sind fast gleich groß und ähneln uns, wie wir von den Hebeln aufgebaut sind.“

Es sind die Feinheiten, die im Sprint das entscheidende Plus ausmachen oder Hundertstel kosten. Auf der Suche nach dem Kick, der ihn nach vorn bringt, hat er zwei kompetente Trainer an seiner Seite. Im Hauptamt Tobias Schneider, ehrenamtlich Gerhard Jäger. „Ich kann mit den beiden nur gewinnen.“ Wie auch von der Erfahrung eines Julian Reus, der bei seinem neuen Teampartner ganz genau hinschaut und Korrekturen sieht. Die anstrengende wie intensive Zeit soll sich im Sommer auszahlen. Die Werte stimmen ihn hoffnungsvoll: „Von der Leistung der Kraft wie den gestoppten Zeiten kann das Konzept im Sommer gut aufgehen.“

Mit freiem Kopf in die Sommersaison

Die Frage ist nur, wo sich eine erste Bestätigung holen? Als „Nicht-Kader-Athlet“ fällt die Antwort schwer. Mit der frühen DM in Braunschweig (5./6. Juni) gibt es für ihn im Vorfeld kaum Optionen. Aleksandar Askovic hadert: „Ohne Kaderstatus ist es schwer, einen Startplatz bei Wettkämpfen zu bekommen. Währenddessen werden die Bundeskader, die starken Athleten gepusht.“ Gleichwohl rücken zwei ins Blickfeld: Mannheim (15. Mai) und das Anhalt-Meeting in Dessau (21. Mai). Nicht mehr im Programm ist die Universiade. Sein Höhepunkt. Sein großes Ziel für den Sommer wurde auf 2022 verschoben.

Im gleichen Moment hieß es umdenken. „Nach der DM werde ich nach dem amerikanischen System verfahren und mir über die weiteren Rennen die nötige Wettkampfhärte holen.“ Für die Universiade waren 10,25 Sekunden gefordert. Eine Zeit, die er nicht mehr laufen muss. Mit einem freien Kopf will er in die Sommersaison starten und sich überraschen lassen. Wenngleich er schon an seine Bestzeit (10,36 sec) ranlaufen möchte. Schließlich will er mit dem neuen Konzept endlich durchstarten. -sam-