Erfurt: Skurriles Rennen endet für Alina Schönherr mit DM-Bronze

Bei den Deutschen U23-Meisterschaften in Koblenz lief Alina Schönherr die Schlussrunde der 800 Meter in dem Glauben, disqualifiziert zu werden. Durch eine Rempelei auf den ersten 150 Metern kam sie unverschuldet aus dem Tritt und verließ die Innenbahn. Im Ziel musste sie bange Minuten überstehen, ehe sie die Gewissheit hatte, DM-Bronze ist sicher und die Medaille kann mir keiner mehr nehmen. Sie war zugleich eine schöne Belohnung nach einer langen Leidenszeit.

Solche eine Situation wünscht sie wirklich keinem Athleten. Gleich zu Beginn des Rennens über die beiden Stadionrunden passierte es auf der Gegengeraden. Vor ihr gab es eine kleine Rempelei, Alina Schönherr (LSV Schmölln) lief im hinteren Teil des Feldes und war als Unbeteiligte plötzlich die Leittragende. Sie konnte sich nicht mehr im Innenraum halten und trat auf den Rasen. „Eine Kampfrichterin stand da und in dem Moment haben sich unsere Blicke gekreuzt. Sie hat nur mit dem Kopf geschüttelt“, erinnert sich Alina Schönherr zurück. Sie war Letzte, rannte trotzdem weiter und rollte dann in der zweiten Runde das Feld von hinten auf. Sie kämpfte, sie nahm einfach ihr Herz in die Hand und rettete sich mit einem starken Schlussspurt in 2:07,28 Minuten auf den dritten Platz.

Bange Minuten bis zur Erlösung

„Im Ziel dachte ich nur: Das kann doch jetzt nicht wahr sein. Ich bin Dritte, habe Bronze und hatte Angst, ich werde disqualifiziert. Das waren drei, vier bange Minuten, wo ich extrem am Zittern war. Das war einfach nur furchtbar, weil mir niemand sagen konnte, ob ich disqualifiziert werde oder nicht. Klar hat mich das geärgert“, sagt sie mit sehr emotionaler Stimme. Irgendwann erreichte sie die positive Nachricht und konnte durchatmen. Die Freude über Bronze kam somit erst verspätet. Da war sie schon auf dem Aufwärmplatz. Geteilte Freude ist doppelte Freude: Teilen konnte sie diese mit Freund Max Körner, der sie nach Koblenz begleitete.

Insgeheim hatte sie schon mit einer Medaille bei der U23-DM geliebäugelt. Auch Heimtrainer Enrico Aßmus sah Potenzial. Er konnte nicht in Koblenz sein, als Hindernis-Bundestrainer weilte er mit dem Olympiakader zur Vorbereitung in St. Moritz. Doch auch dort war er mittels Livestream irgendwie dabei. „Ich war gespannt auf den Lauf, der für sie ein bisschen unrund losging. Sie ist dann auf den letzten 200 Metern stark gerannt. Auch unter dem Aspekt, im wichtigsten Rennen des Jahres zu performen. Ich habe mich wirklich sehr gefreut. Das war eine gewonnene Bronzemedaille“, sagt Enrico Aßmus, dem man die Freude auch einige Tage später deutlich anmerkte. „Sie gehört seit sechs Jahren zur Trainingsgruppe. Sie hat einen tollen Charakter und ist immer für die Trainingsgruppe da. Sie ist ein absoluter Teamplayer. Mir ist sowas sehr wichtig.“

Steiniger Weg mit vielen Verletzungen

Besonders imponiert ihm ihre Stärke. Sie studiert seit gut einem Jahr Psychologie an der Uni Jena - und geht ihr sportlichen Weg parallel weiter. „Sie wollte weiter Sporttreiben, vorankommen und hat ihre Ziele. Daher habe ich mich selten über so eine Bronzemedaille wirklich gefreut“, sagte Enrico Aßmus. Ihr Weg bis dahin steinig. Gepflastert von zahlreichen Verletzungen. Auch in diesem Sommer gab es immer mal wieder kleinere Rückschläge. Dem gegenüber standen die positiven Momente wie in Braunschweig und Koblenz. Die DM-Norm für Braunschweig hatte sie knapp unterboten und freute sich einfach wieder mit dabei zu sein. „Ich stand an der Startlinie und mir ging durch den Kopf, einfach so lange wie ich kann, mitzuhalten.“

Im Rennen fühlte sie sich richtig gut und war plötzlich vorn in der nationalen Spitze um Christina Hering (LG Stadtwerke München) mit dabei. Als Fünfte in neuer Bestzeit von 2:06,37 Minuten erreichte sie das Ziel. Gut drei Jahre dauerte es, ehe es diese neue Bestzeit gab. Eigentlich dachte sie, die Zeit würde für den Finaleinzug reichen. Es wurde eine sehr knappe Angelegenheit – 22 Hundertstel sollten für die Top 8 fehlen. Das Rennen erwies sich dennoch als großer Schritt in die richtige Richtung, was sie dann bei der U23-DM in Koblenz eindrucksvoll mit Bronze bestätigte. Im nächsten Jahr dürfte es gern noch schneller werden. „Wenn ich konstant und verletzungsfrei durchkomme, dann kann eine noch schnellere Zeit dastehen“, hofft sie auf eine weitere Steigerung.

Sport und Studium lassen sich gut vereinbaren

Ab diesem Jahr startet sie wieder für ihren Heimatverein. Es war eine logische Entscheidung. „Ich war lange Zeit verletzt gewesen, ich habe wirklich keine Leistung mehr gebracht, so dass es für mich im Top Team Thüringen nicht mehr weiterging. Schnell war klar, ich starte wieder für meinen Heimatverein.“ Verändert habe ich durch den Vereinswechsel aber nichts. Sie trainiert weiterhin in Erfurt, ihr Heimtrainer blieb Enrico Aßmus wie auch die Trainingsumfänge. Nur minimal wurde an Stellschrauben gedreht. „Ich mache jetzt mehr kurze Tempoläufe mit kurzen Pausen“, berichtet Alina Schönherr, die der kleinen Umstellung nur positives abgewinnen kann. „Ich bin stabiler und ruhiger geworden.“

Gut vereinbaren lässt sich momentan der Sport mit ihrem Studium der Psychologie. Sie hat das Ziel, es in der regulären Studienzeit durchzuziehen. Ihre Seminare hat sie sich vorwiegend in die Mittagszeit gelegt. Durch die angespannte Corona-Lage war keine Präsenz in Jena möglich. Die Online-Vorlesungen kamen ihr aber nicht ungelegen. Im Oktober erwartet sie das erste Praktikum in der Moritz Klinik Bad Klosterlausnitz – vier Wochen, Vollzeit. „In dieser Zeit wird es dann tatsächlich schwierig mit dem Training, aber ich habe bei meinen bisherigen Besuchen gesehen, dass um die Klinik ein schöner Wald liegt. Den werde ich sicher für einige Läufe nutzen.“ Momentan genießt sie die Ruhe und kuriert Blessuren der Sommersaison aus. Auf diese kann sie jetzt schon mit einem Lächeln zurückblicken. Aus zwei guten Gründen: PB und DM-Bronze über 800 Meter. -sam-