Erfurt: Leiser Abschied von der Leichtathletik-Bühne

Sein Name ist noch in einigen nationalen Rekordlisten vermerkt: Sebastian Keiner hat Spitzenzeiten hinterlassen. Vorrangig im Nachwuchsbereich über 800 und 1.500 Meter sowie mit der Erfurter Teamstaffel über 3x1000 Meter. Er hat Geschichte geschrieben. Seine eigene als Leistungssportler hat er im Vorjahr nach anhaltenden Schmerzen in der Achillessehne beendet. Längst angekommen ist der ehemalige Leistungssportler in seinem zweiten Leben mit Vollzeitjob und Familie – und er bringt zusätzlich seine sportlichen Erfahrungen beim LC Top Team Thüringen sowie in die Kommission Leistungssport beim Thüringer Leichtathletik-Verband mit ein.

„Das war´s“: Sebastian Keiner fielen diese Worte nicht allzu schwer. Gerade nach Monaten, wo er um seine Rückkehr auf die Bahn kämpfte, und jeder Test das Innerste noch mehr zerriss. Das Mögliche war unmöglich. Der Abschied leise. „Es war über die Jahre ein schleichender Prozess, der meine Entscheidung zum Aufzuhören, leichter gemacht hat“, sagt er mit fester Stimme. Die großen sportlichen Ziele blieben ihm auf seinem Weg verwehrt. „Ich habe nie geplant, meine Karriere so zu beenden, sondern relativ erfolgreich. Das soll nicht heißen, dass ich unzufrieden rausgegangen bin. Ich habe dennoch viel erreicht, aber mit dem großen Ziel einer Olympia-Teilnahme hat es leider nicht geklappt. Der Körper hat einfach nicht mehr hergegeben.“

Ein langer Weg der Schmerzen

Der lange Weg der Schmerzen nahm 2009 seinen Anfang, als die Achillessehne mal mehr, mal weniger schmerzte. Sie bekamen die Probleme anfangs in den Griff. „Über die Jahre ist die Grundlast immer höher geworden. An der Ferse hatte sich schon eine Verknöcherung gebildet. Es war mittlerweile so akut mit den Schmerzen, dass nur noch eine Operation hätte helfen können“, erzählt Sebastian Keiner, der im Sommer 2020 seine Saison vorzeitig abbrechen musste. Es folgten Ruhe, alternatives Training, ein langsamer Aufbau – und ein Test, der ihn in seinem sportlichen Bestreben bremste und zurückwarf. „Das Problem trat wieder auf. Das Jahr war für mich gelaufen“, wusste der 32-Jährige.

Er kam ins Grübeln. Was wären alternative Möglichkeiten, um den Schmerz zu lindern? Er kam immer auf ein Ergebnis: Operation. Neue Fragen kamen auf. Macht das alles überhaupt noch einen Sinn? Er arbeitete inzwischen Vollzeit, war Familienvater, das zweite Kind schon unterwegs. Kann ich mich nach einer möglichen OP noch einmal motivieren, meinem eigenen Leistungsanspruch gerecht werden? Er kannte die Antwort, die letztlich zum Abschied führte.

Schöne Momente: Erfolge im Team

Er nimmt viele schöne sportliche Momente mit. Den schönsten Moment, den gibt es für Sebastian Keiner nicht. Der Kopf ist voll mit Bildern. „In einer Einzelsportart, wie wir sie sind, empfand ich es immer als besonders schön im Team Erfolge feiern zu können. Dann natürlich die internationalen Trainingslager in Südafrika oder Flagstaff und die internationalen Meisterschaften.“

Internationale Erfahrungen sammelt er schon als 15-Jähriger. Die Nominierung für die U18-Weltmeisterschaften in Marokko kam für ihn mehr als überraschend. „Ich hatte in diesem Jahr einen ziemlichen Leistungssprung gemacht. Ich war noch Schüler und in keinem U18-Kader drin. Vor Ort habe ich dann einiges an Lehrgeld zahlen müssen“, erinnert sich Sebastian Keiner. Seine älteste Bestzeit stammt aus dem Jahr 2008 (1:45,98 min). Gelaufen über 800 Meter beim traditionsreichsten und berühmtesten Meeting. Nämlich beim ISTAF in Berlin. Dazu kommen zahlreiche Spitzenzeiten auch auf nationaler Ebene.

Trainer Aßmus verliert "Captain"

Diese Leistungen zu erbringen, funktioniert am besten im Team. Anfänglich mit einem sehr guten allgemeinen Training bei Veronika Hesse in Suhl, später mit dem Wechsel an das Erfurter Sportgymnasium und Enrico Aßmus als Trainer. „Für mich ist er über die Jahre ein sehr guter Freund geworden. Ich habe mit ihm mehr Zeit verbracht als mit meiner Familie“, sagt Sebastian Keiner lächelnd. „In dieser Zeit haben wir wirklich sehr viel gemeinsam erlebt. Uns verbindet eine Freundschaft und gegenseitiger Respekt. Für mich war es nie ein Thema, zu einem anderen Trainer zu wechseln. Es war immer klar: Wir beide machen das zusammen. Wir hatten gemeinsam viel Spaß.“

Für Enrico Aßmus war er in der Trainingsgruppe immer der „Captain“. Der Leader. Diese Trainer-Athleten-Beziehung hielt 17 Jahre. „Es war immer angenehm mit ihm. Wir hatten Erfolg, aber es waren auch einige knappe Niederlagen dabei. Herauszuheben sind sicherlich seine 30 nationalen Medaillen von der Jugend über die U23 bis zu den Aktiven, die er sich über die Jahre erkämpfen konnte. Das ist auf jeden Fall bemerkenswert“, berichtet Enrico Aßmus anerkennend.

Keiner hält deutsche Rekorde

Ebenso was seine schnellen Zeiten über die Mittelstrecke betrifft. In der deutschen Jugend-Hallenbestenliste der U20 ist sein Name nämlich gleich zwei Mal notiert. Er hält die Hallen-Bestleistungen über 800 (1:47,49 min) und 1.500 Meter (3:44,69 min). Immer mal wieder glaubten sie, dass diese Rekorde fallen könnten. Sie wackelten mal kurz, bestehen nun seit 2008. Drei Freiluft-Rekorde kann er außerdem sein Eigen nennen, davon zwei mit der Langstaffel.

„Besonders in vielen Staffeln konnte Sebastian seinen Stempel aufdrücken. Davon zeugen die deutschen Rekorde in der U20 und U23. Mit seiner besonderen Leistung als Schlussläufer hat er mit für die schnellen Zeiten gesorgt. Da hat er für seine Leute immer extra nochmal gekämpft“, sagt Enrico Aßmus. Der älteste nationale Rekord seines Schützlings ist datiert auf das Jahr 2006. Als 16-Jähriger lief Sebastian Keiner über 800 Meter eine Topzeit von 1:47,61 Minuten. „Diese hätte man nicht vorhersagen können. Das war an dem Tag wirklich eine große Überraschung“, weiß er zu berichten.

Zweites Leben mit Familie und Beruf

Bevorzugt lief Sebastian Keiner die 800 und 1.500 Meter. Sie kamen, jede zu seiner Zeit. „Ich habe mit dem 800 Metern begonnen und bin sie lange gelaufen. Verletzungsbedingt mussten wir das Training dann umstellen, so dass ich mehr über die längere Strecke gegangen bin. Beide hatten ihren Reiz, machten mir Spaß - ich mochte die eine wie die andere“, erzählt Sebastian Keiner. Es waren aber nicht nur die sportlichen Momente auf der Bahn, die Bilder in seinem Kopf hervorrufen. Es ist ebenso die Zeit an sich mit der Trainingsgruppe, mit den anderen Athleten, die zu Freunden wurden.

Die Leichtathletik-Bühne hat Sebastian Keiner als Aktiver im vergangenen Jahr verlassen. Treu ist er ihr aber weiterhin: Für das LC Top Team Thüringen ist er im Vorstand tätig, beim Thüringer Leichtathletik-Verband seit geraumer Zeit in der Kommission Leistungssport. Als Nachfolger von Julian Reus, der zum Deutschen Leichtathletik-Verband gewechselt war. „Die Stelle beim TLV war nun frei. Als potentieller Nachfolger fiel auch mein Name. Heinz-Wolfgang Lahmann rief mich an und fragte an. Ich habe dann entschieden, dass es eine gute Möglichkeit ist, dem Verband etwas zurückzugeben. Es ist vom Zeitlichen mit meinem Job und der Familie zu bewältigen, aber nicht einfach“, berichtet Sebastian Keiner, der Vollzeit als Softwareentwickler für ein weltweit agierendes französisches IT-Beratungsunternehmen tätig ist. In seinem zweiten Leben ist er nämlich schon längst angekommen. -sam-