Es passiert wohl nicht allzu oft, dass Trainer nach einem Wettkampf sprachlos zurückbleiben. So geschehen am 17. Januar dieses Jahres, als Ole Jannis Gratz nur um zwei Hundertstelsekunden die deutsche U18-Hallen-Bestleistung im Hürdensprint verpasste. Das sorgte für großen Staunen bei seinen Trainern Tobias Schneider und Gerhard Jäger, die das in seinem ersten U18-Jahr nicht unbedingt erwartet hatten. Im Sommer geht es für den 15-Jährigen dann erstmals über 110 Meter Hürden auf Zeitenjagd.
Ein Wimpernschlag vielleicht - es fehlte jedenfalls nicht viel, dann hätte sich Ole Jannis Gratz (Erfurter LAC) bereits in seinem ersten U18-Jahr in die deutsche U18-Hallen-Bestenliste eingetragen. Bei den Thüringer Hallenmeisterschaften überquerte der 15-Jährige die 60 Meter Hürden in 7,82 Sekunden. Die deutsche U18-Hallenbestleistung steht bei 7,80 Sekunden - Gavin Claypool (SV Preußen Berlin) und Nils Leifert (LAC Quelle Fürth) teilen sich diesen Spitzenplatz. „Vor der Hallensaison haben wir keinen Gedanken an solch eine Zeit verschwendet. In seinem ersten Wettkampf beim TLV-Hallenmeeting hat er uns bereits mit einer Zeit von unter 8 Sekunden positiv überrascht“, sagt sein Trainer Tobias Schneider, der mit Blick auf den Sommer es nicht für unrealistisch hält, dass sein Schützling die deutsche U18-Bestleistung von 13,50 Sekunden angreifen wird. „Er kann in den Bereich rennen. Aber das ist jetzt nicht das primäre Ziel für den Sommer.“ Zumal auch noch kein Richtwert über 110 Hürden erfasst ist.
Intensive Sommer-Vorbereitung
Im Vorjahr waren es noch 80 Meter Hürden. Bei den Deutschen U16-Meisterschaften in Ulm gab es Gold dafür. So wie mit der 4x200 Meter-Staffel des Erfurter LAC. Jetzt heißt es im Hintergrund ruhig arbeiten und verletzungsfrei durch die Vorbereitung kommen. Und die hat es ganz schön in sich. „Das Training ist anstrengend und intensiv“, beschreibt es Ole Jannis Gratz. Im Detail: Es wird acht Mal in der Woche trainiert. Auf dem Programm stehen Kraftkreise, Bergläufe und auch bereits die ersten Einheiten im Stadion. „Es ist schon eine Hassliebe“, sagt Ole Jannis Gratz zur „Schinderei“ vor der Sommersaison. Leichter fällt es in der Trainingsgruppe. Elf Athletinnen und Athleten betreut Tobias Schneider als festen Stamm – die Palette der Disziplinen reicht von Kurz-, Langsprint bis hin zur Kurz- und Langhürde. „Es herrscht eine gute Chemie in der Gruppe. Sie ist wirklich super“, betont sein Schützling, und sein Trainer ergänzt, „Ole ist ein Leadertyp. Er kann die Gruppe anführen und es macht viel Spaß mit ihm zu arbeiten.“
Tobias Schneider betreut Ole Jannis Gratz jetzt seit einem dreiviertel Jahr. Er sieht bereits deutliche Fortschritte: „Er ist sehr stabil geworden und hat in allen Bereichen wie Kraft und Schnelligkeit gut zugelegt. Bemerkenswert ist, wie professionell er den Sport angeht. Manchmal ist es ein bisschen zu viel Perfektionismus. Er ordnet sehr viel dem Sport unter. Da muss man ihn gelegentlich auch mal bremsen.“ Statt auf die Bremse tritt Ole Jannis Gratz lieber auf das Vollgaspedal. Auch im Training, um sich dann im Sommer bestenfalls zu belohnen. Erstmals wird er dann die 110 Meter Hürden angehen. Selbst im Training stand diese Strecke noch nicht auf dem Plan. Aber bald. Die Vorfreude ist zumindest jetzt schon spürbar hörbar, wenn er endlich über die neue Hürdenhöhe wie Strecke loslegen darf.
Und noch etwas ist seinem Trainer aufgefallen. Sein Athlet ist ein „unglaublicher Wettkampftyp“. Beeindruckt zeigt er sich vom dynamischen Auftreten und wie aggressiv er die Hürden angeht. „Es ist definitiv ein anderes Gefühl, wenn du Gegner im Wettkampf hast. Man ist schon aufgeregter, fokussierter und weiß, jetzt zählt es“, berichtet Ole Jannis Gratz. Im Training hat er mit Arne Otto, der in der Hallensaison verletzt nicht an den Start ging, einen Disziplinkollegen an der seiner Seite. „Es trainiert sich einfach besser, als wenn du allein im Startblock sitzt.“
Erst Flag Football, dann Leichtathletik
Dass er jetzt im Startblock bei der Leichtathletik sitzt, war nicht von Anfang an geplant. „Zuerst war ich beim Flag Football, und bin dann eher durch Zufall beim Probetraining in der Leichtathletik gelandet. Das hat mir dann richtig gut gefallen“, begründet er seine Wahl. Die sportliche Vorgeschichte seiner Eltern spielte zunächst keine Rolle. Sein Vater Torsten durchlief wie sein Sohn die leistungssportliche Laufbahn am Erfurter Sportgymnasium, er war zunächst Sprinter – wechselte dann zum Bobsport. Seine Mutter Kathrin ist eine ehemalige Springreiterin. So oft wie es geht unterstützen sie ihren Sohn bei Wettkämpfen vor Ort. Die Leidenschaft für den Sport vereint die Familie.
Auch außerhalb der Tartanbahn. Der Glaube spielt für Ole Jannis Gratz eine inzwischen große Rolle. Er bekreuzigt sich vor jedem Start. „Ich bin seit anderthalb Jahren gläubig, und will mich taufen lassen. Meine Eltern unterstützen mich sehr darin.“ Mit Beginn der Fastenzeit am Aschermittwoch, sie dauert 40 Tage, hat sich der junge Athlet selbst das Social-Media-Fasten auferlegt. Begrenzt auf eine halbe Stunde am Tag. Sonst seien es um die zwei, drei Stunden am Tag, die er auf den sozialen Plattformen verbringt.
Ein Sommer mit neuen Herausforderungen und Zielen
Nicht verzichten möchte er dagegen auf seine „Hassliebe“. Nämlich das derzeitige Training. Er weiß schließlich, wofür es gut ist. Nicht mehr lang und es beginnt bereits die Sommersaison. Dann mit den 110 Meter Hürden. Die neue Hürdenhöhe von 0,91 Zentimeter sieht er nicht als Problem. „Da werde ich aufgrund meiner Größe super drüberkommen.“ Nichts desto trotz kann über die Hürden immer alles passieren. Umso wichtiger ist ein guter Auftakt, um sich dann peu á peu von Rennen zu Rennen zu steigern.
Obwohl es erst sein erstes U18-Jahr ist, liebäugelt er schon ein wenig mit dem großen internationalen Ziel, das U18-Europameisterschaft in Rieti (Italien; 16. bis 19. Juli) heißt. „Wenn es kommt, dann kommt es. Ich denke, ich kann über die Saison vorn mitlaufen. Für mich ist Luca Koch der große Favorit auf das erste EM-Ticket. Dahinter könnte ich durchaus eine Chance auf das zweite haben“, blickt Ole Jannis Gratz durchaus selbstbewusst voraus. Aber das kann er auch sein. Schließlich hat er bereits in der Hallensaison gezeigt, dass man mit ihm rechnen muss – und selbst seine Trainer mit seiner Spitzenzeit von 7,82 Sekunden ins Staunen versetzt hat. Es wäre sicherlich ein schönes Gefühl, wenn ihm dies im Sommer vielleicht ein weiteres Mal gelingt.







