Erfurt: Luis Brandner - Comeback nach zwei schwierigen Jahren

Bei seiner Rückkehr auf die Tartanbahn blieben die ganz großen Emotionen aus. Kein großer Jubel, keine tränenreiches Comeback. „Es hat sich in den vergangenen Wochen schon abgezeichnet, dass es wieder in die richtige Richtung geht, aber grundsätzlich bin ich schon sehr stolz auf mich, dass ich am Ende dieses Prozesses angekommen bin und wieder auf der Bahn stehen kann“, sagt Luis Brandner. Wenngleich diese Rückkehr des 22-jährigen Sprinters vom LC TopTeam Thüringen durchaus eine für große Gefühle war. Es ist eine Geschichte voller Beharrlichkeit, des Lernens und Vermissens.

Jetzt steht er da, an jenem Samstagvormittag, inmitten der anderen Sprinter und bereitet sich auf seinen Start über 60 Meter bei den Thüringer Hallen-Landesmeisterschaften vor. Ruhig und routiniert misst er mit seinem Maßband seinen Startblock ein. Es sind eben auch jene Dinge, die ihm nach seiner langjährigen Verletzungspause ein Gefühl des Wiederankommens geben. „Es waren jetzt zwei sehr schwierige Jahre für mich, in denen ich mir nicht wirklich sicher war, ob es jemals so sein wird, dass ich ein Wettkampfrennen mache“, beschreibt Luis Brandner die fast schon ausweglose Situation.

Komplexes Grundproblem

Das Team brachte viel Zeit und Geduld, um das Puzzle zusammenzusetzen, die richtige Schlüsse zu ziehen und das Training darauf abzustimmen. „Die Grundproblematik ist sehr komplex und sehr schwer zu erklären. Es ist ein komplexes System aus verschiedenen muskulären und nervalen Problemen, die bei mir zusammengespielt haben. Das grundsätzliche Problem sind die Hüftbeuger, die in gewisser Weise falsch angesteuert werden durch verschiedene Disbalancen im Körper“, erklärt der U23-Staffel-Europameister des Jahres 2021.

Im März letzten Jahres begann die Arbeit, die bis zum heutigen Tag andauert. Zu 100 Prozent schmerzfrei sei er noch nicht, aber in einem Bereich, wo er sich selbst beim Laufen sehr wohlfühle. Aus diesem Prozess heraus resultierte ein Start im Sommer in Wattenscheid. Die Zeit eher nebensächlich. War es doch eine gute Gelegenheit, das Wettkampffeeling endlich wieder zu spüren. Es sollte bei diesem einmaligen Ausflug bleiben. Sein Körper reagierte nach dem Rennen mit zunehmenden muskulären Problemen. „Wir haben danach gesagt, wir bereiten jetzt den Winter ordentlich vor und das hat jetzt schon gut funktioniert.“

Nämlich mit einem Doppelstart: Vor zweieinhalb Jahren war es gewesen, als er zuletzt in einem Wettkampf die kurze und lange Sprintstrecke gelaufen ist. Für den Einstieg empfand er die Zeiten von 6,82 und 21,50 Sekunden als „ganz okay“. Zumal es ihm weniger auf die Zeit ankam, als auf einen anderen Aspekt: „Mir war es erstmal egal gewesen, was genau auf der Uhr steht, solange ich schmerzfrei bin. Das war ich absolut. Es war sehr schön mal wieder frei laufen zu können. Das hatte ich sehr lange nicht.“ Einerseits weiß er natürlich aus welcher Situation er kommt, anderseits gibt es die eigenen Ansprüche wieder ganz vorn mitzulaufen. „Dafür reichen die Leistungen nicht, aber ich denke, dass sich über die Hallensaison schon was entwickeln kann.“

Ein Prozess des Lernens

Ebenfalls zufrieden wirkte sein Trainer Tobias Schneider: „Das nichts wehtut nach den drei Läufen, das ist sehr viel wert. Die 6,82 über 60 Meter hat mich auch überrascht. Der Startbereich ist definitiv noch ausbaufähig. Das ist nicht das Niveau, was er wirklich kann und auch hat, aber da sind die Ansätze im Training schon noch besser. Darauf gilt es aufzubauen.“ Angepeilt sind die nächsten Starts beim Internationalen Hallenmeeting in Chemnitz (21. Januar) und beim Erfurt Indoor (3. Februar). Ungeachtet der positiven Gedanken über den schmerzfreien Einstieg will Luis Brandner die Hallensaison vorsichtig angehen. „Ich muss auf meinem Körper hören, wie reagiert er auf die Rennen und ihm, wenn möglich, auch die Zeit geben und dann super situativ entscheiden.“ Es ist nach wie vor ein Prozess des Lernens. „Wir als Team haben vieles jetzt neu lernen müssen und haben in den letzten zwei Jahren schon gelernt. Jede Woche wird es einen neuen Lernprozess geben“, weiß Luis Brandner.

Für sich selbst hat er etwas anderes und viel wichtigeres aus dieser Zeit mitnehmen können. Für die Antwort lässt er sich einen kurzen Moment Zeit. „Diese Monate haben mir gezeigt, wie sehr ich den Sport eigentlich liebe. Es hat mich schon fertig gemacht, nicht auf der Bahn zu stehen und anderen zuzusehen, wie schnell sie rennen und Spaß haben. Vor allem bei Julian [Wagner]. Ich freue mich unheimlich für ihn, wie er sich in den letzten zwei Jahren entwickelt hat, aber ich wäre schon selber gern mit dabei gewesen. Das tat schon weh.“ Umso „cooler“ empfand er jetzt seine Rückkehr auf die Bahn, die er sehr genossen hat. Auch ohne die ganz große Emotionen. -sam-