Erfurt: Benedikt Wallstein springt sich in Nachwuchs-Bundeskader

Freudige Nachrichten verbreiten sich schnell. Kaum hatte der Deutsche Leichtathletik Verband (DLV) das Kaderaufgebot für 2021 veröffentlicht, wurde die Liste schon mehrfach geteilt und versendet. Über seine erste Berufung in den Bundeskader (NK 2) durfte sich Benedikt Thomas Wallstein (Gothaer Leichtathletik Centrum) freuen. Im Weitsprung ließ er seine Klasse aufblitzen.

Flugs erschien die Liste in der Trainingsgruppe von Benedikt Thomas Wallstein. Der 15-Jährige saß in der Lateinstunde, als sein Handy vibrierte. Warten auf den Pausengong? Die Neugier siegte. „Unsere Lehrerin ist sehr sportbegeistert und zeigte sich sehr verständnisvoll, als ich sie fragte, ob ich schnell mal nachschauen könnte“, berichtet der junge Sportler. Schnell die Datei geöffnet, Name unter Suche eingegeben und schon blitzte er bei den Weitspringern auf. Nicht verwunderlich: In der U16 steigerte er seine Bestleistung auf 6,78 Meter und sprang sich an die Spitze der nationalen Bestenliste. Nicht nur im Weitsprung ist Benedikt Thomas Wallstein spitze.

Schwachpunkt Landung: Wertvolle Zentimeter verschenkt

Einen lauten Jubelschrei musste er sich in diesem Moment verkneifen. Stillschweigend nahm er die frohe Botschaft zur Kenntnis und folgte weiter dem Unterricht. Innerlich sah es bei ihm ein wenig anders aus. „Ich habe mich extrem gefreut.“ Es hatte also geklappt mit der Berufung, ersprungen mit einem weiten Satz. In diesem außergewöhnlichen Sommer. Beim Sommermeeting in Erfurt. Es war der sechste Versuch. Weit ging es hinaus. „Ich wäre schon gern 6,80 Meter gesprungen. Im Beitrag vom MDR habe ich mir den Sprung nochmals ansehen können und festgestellt, dass ich komplett versetzt gelandet bin. So habe ich vielleicht 20 Zentimeter verschenkt“, erinnert er sich zurück.

Es ist ein kurzes mit sich hadern. Schließlich standen 6,78 Meter auf der Anzeigetafel. Im Vorjahr waren es als Bestweite 6,32 Meter. Gesteigert um fast einen halben Meter. Angedeutet hätte sich die neue Bestweite nicht wirklich. „Ich wusste, ich habe gut trainiert. Bei mir ist es aber so, dass ich mich vom Training zum Wettkampf steigern kann. Ich bin ein Wettkampfathlet. So hat es mal mein Trainer Alexander Fromm zu mir gesagt.“

Neue Trainingsgruppe mit Sprint-Power

Seit dem neuen Schuljahr gehört er zur Trainingsgruppe von Tobias Schneider. In der Breite ist die Gruppe recht gut aufgestellt. Über zehn Athleten unter anderem die Sprint-Perspektivkader wie Julian Reus, Julian Wagner und Luis Brandner betreut der 35-Jährige am Stützpunkt Erfurt. „Es kommt nur selten vor, dass wir alle gemeinsam trainieren, weil wir einfach zu unterschiedliche Trainingsinhalte und Übungen haben. Wenn, dann schaue ich auch mal zu den Großen rüber“, erklärt der Jüngste der Gruppe, der sich breit aufgestellt sieht.

Es hagelte in diesem Sommer weitere Bestleistungen: 100 Meter (11,36 sec) sowie 80 Meter Hürden (10,87 sec). Im Hürdensprint brauche er Wettkämpfe, um ins Rollen zu kommen. „Von Rennen zu Rennen merke ich, der Rhythmus wird besser und ich kann mich steigern.“ Dass er vielseitig und erfolgreich ist, stellte er in der Hallensaison im Fünfkampf unter Beweis. Und auch schon beim Blockmehrkampf im Vorjahr.

Sportlichen Anfänge auf der Gothaer Tartanbahn

Bei aller Vielseitigkeit, beim Weitsprung schlägt sein Sportlerherz ein wenig schneller. „Im Sprint oder über die Hürden hast du nur einen Versuch. Vom Start bis ins Ziel muss alles passen. Du darfst dir keinen Fehler erlauben. Im Weitsprung hast du drei, wenn alles gut läuft, sechs Versuche. Außerdem bin ich durch den Weitsprung in den Bundeskader gekommen“, erklärt er die Vorzüge seiner Paradedisziplin. Seine ersten Schritte auf der Tartanbahn machte er mit Sechs. Im Gothaer Volksparkstadion. Seine ersten Trainer Kathrin Blumentritt und Stephan Schreyer.

Zur siebten Klasse wechselte er ans Erfurter Sportgymnasium. „Ich habe mich gefreut, ich wollte auf die Sportschule. Für meine Mama war es anfangs schwer, weil ich nur am Wochenende zu Hause war. Mittlerweile hat sie sich damit angefreundet“, sagt er und gibt sich erleichtert. Seine Mama Stefanie gibt ihm Kraft und ist ein starker Rückhalt – sportlich wie privat. Mit der einstigen Bobsportlerin konnte er im Frühjahrs-Lockdown sein Trainingsprogramm durchziehen. Im November lief trotz des Lockdown light die Schule und das Training (Status Bundeskader) uneingeschränkt weiter. Das hilft enorm. Gerade mit Blick auf das kommende Jahr.

Große sportliche Ziele, Backen als Ausgleich zum Sport

Wird es eine Hallensaison geben? Ungewiss. Dennoch hat Benedikt Thomas Wallstein große Pläne. In der Halle will er erstmals die Sieben-Meter-Marke angreifen und wenn möglich, bei den Deutschen Jugend-Hallenmeisterschaften Premieren-Luft schnuppern. „Ich habe richtig Bock darauf“, sagt der Youngster freimütig heraus. Im Sommer dürften es gern noch einige Zentimeter mehr sein. National ist das Ziel die Jugend-DM. International liebäugelt er mit der Qualifikation für die U18-Europameisterschaften in Rieti (Italien; 26. bis 29. August). Gefordert sind 7,20 Meter (Stand DLV Normrichtlinien 2020). „Das ist machbar“, gibt er sich selbstbewusst. Wenn das mit der Landung noch klappt, dann ist ihm einiges im nächsten Jahr zuzutrauen.

Abseits der Tartanbahn und Sprunggrube hat er das Backen für sich entdeckt. Sonntags weht dann oftmals der Duft von frisch gebackenen Brötchen durch die Küche. Zuletzt roch es überall nach warmen Weihnachtsplätzchen. „Mit dem Backen der Plätzchen sind wir fast durch. Die erste Schachtel ist schon alle“, sagt er lächelnd. Verteilt an die Klassenkameraden und die Zimmerkollegen im Internat. Backen erfordert Hingabe, genaues Arbeiten und viel Zeit. Genau darin findet Benedikt Thomas Wallstein seinen Ausgleich zum Sport.

Einschätzung Trainer Tobias Schneider:

Benedikt hat sich gut eingelebt in die neue Trainingsgruppe und das Trainingssystem. Er ist der jüngste Athlet in der Trainingsgruppe, aber das merkt man ihm kaum an. Mit seiner offenen und immer kommunikativen Art merkt man schnell, dass er ein sehr wissbegieriger Athlet ist, der immer versucht sich zu verbessern. Oft muss ich ihn auch bremsen, um nicht zu viel zu trainieren. Sicherlich hat er das Potenzial, um national und auch international dabei zu sein. Ob es im Sprint oder im Weitsprung ist, das wird das nächste Jahr zeigen. Auf jeden Fall versuchen wir seine Vielseitigkeit weiter zu fördern.

MDR-Beitrag Sommermeeting