Interview TLV-Präsident (Teil 1): „Gemeinsam Herausforderungen stellen und bewältigen“

Die Corona-Pandemie hält die ganze Welt in Atem, auch Deutschland. Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 folgten im Herbst die nächsten Corona-Beschränkungen. Und brachte den Sport insbesondere den Vereins- und Breitensport zum zweiten Mal gänzlich zum Erliegen. Im ersten Teil des Interviews blickt TLV-Präsident Heinz-Wolfgang auf die Herausforderungen und die Folgen der Pandemie für den Verband und die Vereine.

Herr Lahmann, worüber sind Sie gerade dankbar?

Heinz-Wolfgang Lahmann: Dankbar bin ich darüber, dass die Familie, Freunde, Kollegen, Mitarbeiter, alle Ehrenämtler und Sportler bisher größtenteils gesund geblieben sind. Ein Dank geht an die sportpolitisch Verantwortlichen, dass seit der Pandemie zumindest den Bundeskadern und zeitweise den Landeskadern das Training ermöglicht wurde. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Sie wurden im Dezember 2019 in ihre zweite Amtszeit als TLV-Präsident gewählt. Durchleben Sie gerade die schwerste Zeit?

Heinz-Wolfgang Lahmann: Wir durchleben seit fast einem Jahr eine Zeit, die sich die Meisten von uns nicht hätten vorstellen können. Wir leben mit Einschränkungen, die uns Tag für Tag beschäftigen und begleiten. Wenngleich sich diese Herausforderungen in den einzelnen Bereichen sehr unterschiedlich darstellen. So sind beispielsweise der medizinische und schulische Sektor besonders stark betroffen.

Insbesondere für die Kinder und Jugendlichen ist diese Zeit nicht einfach zu verkraften. Das gemeinsame Training und die Wettkämpfe fallen weg und wurden erneut auf Null zurückgefahren. Dazu kommen Einschränkungen in der Schule, bei der Berufsausbildung und dem Studium.

Wo sehen Sie weitere Schwierigkeiten?

Heinz-Wolfgang Lahmann: Eine weitere Herausforderung betrifft die Wettkampfplanung. Wir hatten im Herbst mit einer kompletten Hallensaison geplant. Diese mussten wir Anfang Dezember leider absagen. Bei der bisherigen Wettkampfplanung für die Freiluftsaison, die wir beschlossen haben, besteht aufgrund der aktuellen Situation noch eine gewisse Unsicherheit. Man kann aktuell nicht genau einschätzen, wie die Leichtathletiksaison ab dem Frühjahr gestaltet werden kann.

Als Verband sind wir dankbar, dass die hauptamtlichen Trainer, auch wenn die Organisation und Durchführung ihrer Tätigkeiten an die gegebenen Bedingungen angepasst werden mussten, weitestgehend ohne Unterbrechungen seit März 2020 durcharbeiten konnten.

Wie ist die Thüringer Leichtathletik mit dem Stolperstein Corona (Frühjahr/Winter) bisher zurechtgekommen?

Heinz-Wolfgang Lahmann: Als schwierig erwies sich der Sichtungsbereich, da zeitweise und auch gerade aktuell kein Vereinssport im Amateurbereich möglich ist. Zudem galt es im Team – Präsidium, hauptamtliche und ehrenamtliche Trainer sowie Lehrertrainer – Überlegungen anzustellen, wie die Athleten begeistert und motiviert werden können. Anderseits sind wir als Präsidium gefragt, wie wir die Trainer und Übungsleiter unterstützen können. Wichtig war und ist es, dass die Bundeskader an den Stützpunkten bisher weitestgehend trainieren konnten. Problematischer gestaltete sich die Situation bei den Landeskadern und den weiteren Aktiven in den Vereinen, denen im Frühjahr und jetzt im Winter das regelmäßige Training zum Teil verwehrt blieb.

Mit dem Sommermeeting im Juli des vergangenen Jahres haben wir als Verband den Athleten ein Ziel gegeben. Verschiedene Vereine in Thüringen haben eine positive Vorreiterrolle mit ersten Wettkampfangeboten im Frühsommer des vergangenen Jahres geleistet. In diesem Jahr, so hoffen wir, dass die ersten stadionnahen und stadionfernen Wettkämpfe im Frühjahr starten können. Für den Vereins- und Breitensport ist das von immenser Bedeutung.

Abseits des Profisports (Kaderathleten) – wie schätzen Sie die Situation an der Basis (Vereins- und Breitensport) ein?

Heinz-Wolfgang Lahmann: Im Breitensport hat es die Laufbewegung scheinbar am einfachsten. Der Vorteil am Laufen: es geht immer. Auch individuell.

Für die Athleten im Seniorenbereich gab es im August des vergangenen Jahres die Deutschen Meisterschaften im Mehrkampf und Gewichtwurf in Zella-Mehlis. Die Ausrichtung und Durchführung war dem großen Engagement des örtlichen Ausrichters und dem Bundesausschuss der Senioren des DLV in Abstimmung mit den verantwortlichen Behörden der Stadt und des Landkreises zu verdanken. Hier wurde sehr gute Arbeit geleistet. Von allen Teilnehmern gab es großes Lob. Auch in diesem Jahr ist wieder eine Deutsche Meisterschaft der Senioren in Zella-Mehlis geplant.

Durch die Corona-Krise wurde eine Sorge zur Altersstruktur in den Vorständen nochmals verstärkt. Gerade wenn es darum geht, wie man junge Leute für die Arbeit im Verein begeistern und gewinnen kann. Dies trifft sowohl für den organisatorischen und sportlichen Bereich eines Vereins als auch für das Kampfrichter- und Wettkampfwesen zu, wo die Suche nach jungen und engagierten Leuten nicht gerade einfach ist.

Wie hat sich die Pandemie auf die Vereinsarbeit ausgewirkt?

Heinz-Wolfgang Lahmann: Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr musste der Trainingsbetrieb aufgrund der in Kraft getretenen Verordnungen in den Vereinen auf Null gefahren. Je nach Lage in den Kommunen folgte der langsame Einstieg im April/Mai, wo die Athleten ihr Trainingsprogramm überwiegend draußen absolvieren konnten. In dieser Zeit entwickelten die Trainer und Übungsleiter innovative und interessante Ideen, die sie mit hohem Engagement bestmöglich umgesetzt haben. Jetzt im Winter gestaltet sich die Lage insgesamt noch schwieriger. Die Auswirkungen auf die Vereinsarbeit sind schon erheblich.

Welche Herausforderungen werden auf Sie und Ihr Team in den kommenden Monaten zukommen?

Heinz-Wolfgang Lahmann: Das wir auf die aktuelle Lage jeweils angemessen und schnell reagieren, in der Planung, unter anderem für Wettkämpfe, Trainings-, Aus- und Weiterbildungsmaßnahmen, verschiedene Varianten vorsehen und diese nach den gegebenen Möglichkeiten dann umsetzen. Wichtig hierbei ist eine intensive und vertrauensvolle Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Vereinen und den einzelnen Kommissionen des Verbandes zu haben.

Dazu zählt auch, dass wir Gespräche mit der Politik führen, uns mit dem Landessportbund sowie dem Olympiastützpunkt regelmäßig abstimmen und wo möglich, uns gegenseitig zu unterstützen. Antworten auf verschiedenste Fragen und Herausforderungen sowie sich daraus ableitende Maßnahmen sind in gemeinsamer Abstimmung zu klären. Den zu erwartenden und den noch unbekannten Herausforderungen müssen wir uns stellen und diese gemeinsam aktiv bewältigen.

Welche Folgen hat Corona für die Thüringer Leichtathletik?

Heinz-Wolfgang Lahmann: Es wird schwierig, das Niveau von vor der Pandemie wieder zu erreichen. Den verlorenen Nachwuchs wieder zurückzugewinnen und sportbegeisterte Kinder und Jugendliche für die Leichtathletikvereine zu begeistern wird nur gelingen, wenn wieder regelmäßiges Training und Wettkämpfe angeboten werden können. Entscheidend ist hierbei, dass die Vereine für die Betreuung und Ausbildung des Nachwuchses auch genügend Übungsleiterinnen und Übungsleiter haben.

Ich hoffe, dass durch diese nicht einfache Zeit für viele spürbar wird, wie wichtig der Sport für die Gesundheit und ebenso als Ausgleich zum Beruf, Schule und für soziale Kontakte ist. Dies schließt auch die Bereiche des Kampfrichter- und Wettkampfwesens mit ein. Wir wünschen uns, auch in den genannten und in den weiteren Bereichen junge und interessierte Menschen für die ehrenamtliche Tätigkeit im organisierten Sport zu finden und dafür zu begeistern.

Haben Sie Sorge, dass einige Vereine die Corona-Krise nicht überstehen?

Heinz-Wolfgang Lahmann: Wir haben in Thüringen nicht die ganz großen Vereine wie in anderen Bundesländern und da diese ehrenamtlich geführt werden, sehe ich keine so große Gefahr, dass eine größere Anzahl von Vereinen die Krise nicht überstehen wird.

Mit den TopTeam Thüringen wurde auch ein Konstrukt geschaffen, um Spitzenathleten möglichst in einem Verein in Thüringen zusammenzufassen. Insbesondere Bundeskaderathleten ab der U20 haben die Möglichkeit sich dem TopTeam Thüringen anzuschließen. Dies ist ein Angebot für den Heimatverein und deren Spitzenathleten, um mit Abschluss der schulischen Ausbildung die leistungssportliche Karriere unter guten Rahmenbedingungen weiter fortführen zu können. Wir brauchen möglichst in allen Regionen Thüringens Vereine oder Abteilungen die Leichtathletik als Sportart mit anbieten.

Wichtig für die Leichtathletik in Thüringen ist es, dass Spitzenathletinnen und -athleten die Möglichkeit haben, ihre leistungssportliche Laufbahn in Thüringen fortführen zu können und sie damit einer Vorbildfunktion gerecht werden, um junge Menschen für unsere Sportart begeistern und gewinnen zu können.