Silber oder Bronze? Für W55-Kugelstoßerin Carmen Hildebrandt war die Farbe am Ende egal - Hauptsache eine Medaille bei den Weltmeisterschaften der Masters in Daegu. „Ich habe nicht Silber verloren, sondern Bronze gewonnen“, zeigte sie sich versöhnlich mit dem Ausgang. Für diese eine Medaille erlebte sie eine Reise, die sie wohl nicht so schnell vergessen wird.
Der Jetlag kickt: Für Rückreise aus Südkorea nach Deutschland war Carmen Hildebrandt (Eisenacher LV) 37 Stunden unterwegs. „Das war schon heftig, nervenaufreibend und alles sehr abenteuerlich“, sagte die 59-Jährige, die auf manches gern verzichtet hätte. Wie die Formalitäten bei der Ein- und Ausreise in Südkorea. Während die Bordkarte problemlos durchging, gab es mit ihrem Reisepass Probleme. Die Ampel zeigte die Farbe rot an. Kein Durchkommen. „Ich hatte bei meinen bisherigen Reisen mit meinem Pass noch nie Probleme“, zeigte sie sich selbst ratlos. Nach langem Hin und Her, Fingerabdrücken abgeben und Sonderstempeln durfte sie ins Land rein und auch wieder raus.
Begeistert von Freundlichkeit der Menschen
Weniger ratlos waren ihre Gedanken zu den Weltmeisterschaften. „Das war eine dolle Erfahrung, eine tolle WM. Bei der Eröffnungsfeier hat es der Veranstalter ordentlich krachen lassen. Ich kam mir vor wie bei den Olympischen Spielen. Die Organisation und das Ganze drumherum war einfach nur ganz toll. Alles war durchorganisiert. Dazu die Freundlichkeit der Menschen. Einfach nur Hut ab, was dort auf die Beine gestellt wurde“, zeigte sie sich von den Weltmeisterschaften sehr angetan.
Nur die hohe Luftfeuchtigkeit machte es den Athleten sehr schwer. Um sich an die Zeitumstellung wie das Klima zu gewöhnen, reiste das kleine Wurf-Team um Carmen Hildebrandt und Jeannette Denz mit Mann wie Trainer Stefan bereits eine Woche vor dem WM-Start nach Deagu. „Nach drei Tagen konnte ich sagen, ich habe mich wohlgefühlt. Das mit der Luftfeuchte war schon heftig. Durch die Dunstglocke über der Stadt fühlte man sich wie in einer Sauna. Das Klima war wirklich die größte Herausforderung“, sagte Carmen Hildebrandt, die nur zum Training oder zum Essen das klimatisierte Hotel verließ.
Letzter Versuch mit Silber-Potenzial
Am Wettkampftag selbst fühlte sie sich fit. Der hohen Luftfeuchte trotzte sie mit vielen Handtüchern, die sie nass machte. Im Training gab es sogar Kisten mit Eis. „Ich habe mich da sogar mal reingesetzt. Das Gute war, alle Zelte im Stadion waren klimatisiert.“ Nur mit der großen Anzahl an Teilnehmerinnen, es waren 22 gemeldet und 18 gingen an den Start, tat sie sich in den ersten drei Versuchen eher schwer. Der Wettkampf zog sich und entwickelte sich eher zäh. Erst im Endkampf der besten Acht kam der Wettbewerb richtig in Fahrt. „Einige Athletinnen auch Medaillenkandidatinnen kamen mit den Verhältnissen nicht zurecht. Ich lag zwischenzeitlich sogar auf Silberkurs. Dann kam die Tschechin [Romana Abou-Naim] und haute im vierten Versuch 11,63 Meter raus“, berichtete Carmen Hildebrandt, die nach ihrem Einstoßen mit einem guten Gefühl in den Wettkampf gestartet war.
Mit ihren 11,32 Metern wurde sie auf Rang drei verdrängt. Im sechsten und letzten Versuch gab sie nochmals richtig Gas. Die Kugel flog nah an die 12-Meter-Marke heran. Der Versuch hätte ihr vielleicht sogar Silber gebracht, wenn sie nicht aus den Ring nach vorn rausgetreten wäre. „In dem Moment hat mich das schon geärgert, aber letztlich hatte ich die Medaille. Ich habe nicht Silber verloren, sondern Bronze gewonnen. Ich wollte die Medaille und war am Ende so glücklich damit. Gerade mit dem Klima ist die Weite doppelt hoch anzurechnen. Ich weiß, ich habe einen guten Wettkampf abgeliefert“, bilanzierte sie nach ihrem Bronze-Coup.
Südkorea mit lauten und leisen Ecken
Besonders angetan zeigte sich Carmen Hildebrandt von der Freundlichkeit der Menschen. Auch im Miteinander. „Der Umgang untereinander war sehr angenehm und von Respekt geprägt.“ Ebenso begeistert zeigten sich die Menschen im Stadion. „In jedem kleinen Geschäft lagen Flyer für die WM. Die Stadien waren abends voll. Das war eine unglaublich tolle Stimmung.“
Nach ihren jeweiligen Wettkämpfen blieb die kleine Reisegruppe noch ein paar Tage im Land und reiste weiter nach Seoul. Vom Klima zeigte sich die Stadt angenehmer. So stand noch ein wenig Sightseeing auf dem Programm. Begeistert haben Carmen Hildebrandt die Fitnessparks, wo die ganz alten Koreaner ihr Training absolvierten. Erstaunt war sie über die großen Einkaufscenter. „Da bist du hungrig rein und satt wieder raus“, schmunzelte sie und lieferte die Erklärung gleich mit, „zwischen jedem Regal standen so Probierecken.“
Einerseits bunt und laut durch den vielen Kitsch, anderseits leise und bedächtig durch die Tempel – das ist ebenfalls Südkorea. Ob sie nochmals nach Südkorea reisen wird, weiß Carmen Hildebrandt noch nicht. Angesichts ihrer großen Schwierigkeiten bei der Ein- und Ausreise vorerst sicherlich nicht. Ihre Off-Season verbringt sie stattdessen in der Türkei. Da kickt der Jetlag auch nicht so sehr.





