Daegu (II): Überragend! Iris Opitz erlebt WM-Märchen

Ihre bisher erfolgreichste Weltmeisterschaft bei den Masters erlebte Sprinterin Iris Opitz. In Daegu wurde die 60-Jährige dreifache Weltmeisterin über 100, 400 und mit der 4x400 Meter Frauenstaffel, Vize-Weltmeisterin über 200 Meter und Dritte mit der 4x100-Meter-Frauenstaffel.

„Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Ich glaube, nun bin ich wirklich im Sprinthimmel angekommen“, resümierte Iris Opitz (LAV Elstertal Bad Köstritz) nach den für sie sehr erfolgreichen Weltmeisterschaftstagen in Daegu. Bereits ihr Auftakt in diese Meisterschaften, die von hoher Luftfeuchtigkeit geprägt waren, verlief grandios. „Ich habe über die 100 Meter wirklich vom Vorlauf über das Semi-Finale bis zum Finale ein bisschen mit der Favoritin aus den USA gespielt“, sagte sie. Easy verlief der Vorlauf mit 14,22 Sekunden. Das hatte zur Folge, dass sie im Halbfinale neben der Favoritin Joetta Clark Diggs auf der Bahn stand. „Da konnte ich schon mal üben, wie es sich anfühlt. Ich wollte aber nicht als Erste ins Ziel laufen, und sie stattdessen ziehen lassen. Ich wurde dann Dritte. Vor mir huschte noch die Japanerin [Naomi Miyata] durch“, berichtete Iris Opitz.

Zum Auftakt erfüllt sich Gold-Traum

Im Finale gab es so kein direktes Schulter-an-Schulter-Duell. Iris Opitz war von ihr vier Bahnen getrennt. „Somit konnte ich frei laufen, und das wollte ich so. Manchmal kollabiere ich im Kopf, wenn es Schulter an Schulter geht, aber so war es mir lieber. Sie konnte mich im Prinzip nicht einschätzen. Es ging dann wirklich alles perfekt auf – so wie ich das wollte. Am Ende war es schon sehr knapp, aber doch sprinttechnisch eindeutig. Es lagen vier Hundertstel dazwischen“, sagte Iris Opitz, die sich in 13,39 Sekunden ihren Gold-Traum erfüllte und nur drei Hundertstel über ihrem deutschen W60-Rekord blieb.

Nach ihrem erstem Einzel-Weltmeistertitel überhaupt brachen alle Dämme. „Ich bin super happy und habe immer davon geträumt. Ob du das dann so auf die Bahn bringen kannst, ist immer noch mal eine andere Sache. Mental war ich total bei mir, worüber ich sehr froh und stolz bin“, sagte Iris Opitz, deren Freude etwas getrübt wurde. Maßgeblich dazu beigetragen hatte ihre Gegnerin Joetta Clark Diggs. Die vierfache Olympia-Teilnehmerin zeigte sich als „unfaire Verliererin“. „Sie hatte mir nicht gratuliert, würdigte mich keines Blickes und war im Prinzip stinksauer. Wir als Team Deutschland waren über ihr Verhalten ein bisschen geschockt. Wir wollen Freude und Spaß am Sport haben, und das vermittelte sie nicht, wo sie doch so ein Aushängeschild für die USA ist“, berichtete Iris Opitz.

Der besondere Reiz der Staffeln

In den nächsten Tagen folgten die nächsten zwei WM-Medaillen. Zunächst Bronze mit der 4x100-Meter-Staffel. Die Staffeln haben ihren ganz eigenen Reiz. Noch dazu bei den Masters, wo im Vorfeld der WM keine Möglichkeit bestand, in irgendeiner Weise zu trainieren. Erst vor Ort werden die Staffeln mit den verfügbaren Athleten zusammengestellt. So blieb lediglich eine Stunde, um die Abläufe kurz durchzugehen und zu üben. „Wir haben uns aus dem Pool, den wir vor Ort zur Verfügung hatten, bedient. So bin ich in die W45 rein, um das bestmögliche Ergebnis zu erzielen. Wir haben aus den Möglichkeiten das Beste gemacht und waren mit Bronze hochzufrieden“, sagte Iris Opitz. Hinter den Staffeln aus Australien (50,52 sec) und den USA (50,96 sec) kam das deutsche Quartett in 51,83 Sekunden auf den dritten Platz.

Als Weltrekordhalterin über 200 Meter und als Favoritin stand Iris Opitz über 200 Meter im Block. „Ich wollte den Titel“, lautete ihre klare Ansage. Das hätte womöglich auch geklappt, wenn die ganzen Umstände drumherum nicht so kompliziert gewesen wären. Die Erklärung lieferte sie gleich hinterher. Ihre Gegnerin Joetta Clark Diggs hatte es ihr als Favoritin nicht leicht gemacht. „Da wurde wirklich mit allen Bandagen gekämpft. Sie hatte die Niederlage über 100 Meter nicht verkraftet und wollte den Titel über 200 Meter jetzt unbedingt. Noch mehr wie über 100 Meter“, berichtete Iris Opitz, die auch über 200 Meter versuchte, nicht neben ihr im Finale zu stehen.

Ein Schulter-an-Schulter-Duell über 200 Meter

Dieses Mal ging ihr Plan nicht auf. Sie bekamen die Bahnen nebeneinander. „Das musst du mental erstmal wegstecken. Ich hatte mir alles so schön im Kopf zurechtgelegt. Ich mache einen guten Angang, eine gute Kurve und liege vorne, und muss das Ding nur noch nach Hause laufen“, so ihr Plan, der im Rennverlauf auf den Kopf gestellt wurde. „Im Prinzip hätte es auch so funktioniert, aber sie war dann irgendwann auf der Zielgerade an mir dran – Schulter an Schulter. Und das sogar ziemlich weit an mir dran, so linienmäßig meine ich. Sie hat wohl auch vorm Ziel die Linie zwei Mal betreten“, erinnerte sich Iris Opitz, die auch einen Einspruch erwägte, aber ihn nicht durchzog und ihrer Gegnerin den Triumph überließ. In 27,53 Sekunden kam Iris Opitz als Zweite ins Ziel.

Noch schlimmer war mit anzusehen, wie die US-Amerikanerin nicht nur den Titel feierte, sondern versehentlich noch einen Weltrekord. „Der Weltverband hatte es versäumt meinen Weltrekord, den ich bei den Deutschen Meisterschaften mit 27,30 Sekunden aufgestellt hatte, einzutragen. Somit stand auf dem Display und in den Ergebnislisten hinter ihrem Namen noch ein WR. Bei der Siegerehrung versuchte WMA-Präsidentin Margit Jungmann die Situation aufzuklären. Da wurde es laut. Es gab ihrerseits auch keinen Handschlag“, berichtete Iris Opitz, die die US-Amerikanerin ihrerseits versuchte im Weiteren einfach zu ignorieren. „So ein bisschen nimmt so ein Verhalten auch die positive Stimmung weg.“

Krönung über die Stadionrunde

Was Iris Opitz dann über 400 Meter folgen ließ, war einfach nur die Krönung. „Nach den 200 Metern habe ich gespürt, da ist noch irgendeine Power, die ich einfach mitgenommen habe“, erklärte sie ihren überraschenden Erfolg über die Stadionrunde, die sonst nicht ihre Strecke ist und auch kaum trainiert wird. Das Finale lief wie aus einem Guss, das Ergebnis mit 64,78 Sekunden einfach überragend. „Wer hätte das gedacht? Ich selber nicht, mein Mann nicht – keiner. Das war einfach ein genialer Lauf. Ich hatte keine festen Beine, ich war noch voller Kräfte und das am Ende der 400 Meter. Im Kopf war da nur: Das schaffst du, das schaffst du und siehe da, die letzten Schritte habe mich zum Sieg getragen. Alle hatten Gänsehaut“, schildert sie den zweiten goldenen Moment, von dem viele sagten, es wäre das Highlight der WM. „Das war der Wahnsinn. Ich bin einfach nur stolz auf mich.“

Abgerundet wurde die WM am letzten Tag durch eine weitere Goldmedaille. Nämlich mit der 4x400-Meter Frauenstaffel in der W55. „Das war eine WM, die ich nicht so schnell vergessen werde. Sie hat alles getoppt, was ich bisher erlebt habe. Leider konnte ich im Stadion nicht alles nutzen. Es gab Areas mit Essensständen und abends sogar Musik. Ich habe mich mehr auf meine Wettkämpfe konzentriert“, sagte Iris Opitz, die in den WM-Tagen das WG-Leben mit weiteren deutschen Teilnehmern als sehr positiv empfand. „Wir haben als Gruppe an unseren freien Tagen Ausflüge unternommen. Wir haben uns gegenseitig bei der Planung abgesprochen. Drumherum hat alles super gepasst. Nach der WM sind wir noch einige Tage nach Busan gefahren, um uns von dem positiven Stress zu erholen.“ Schließlich erlebte Iris Opitz zuvor ihr ganz persönliches WM-Märchen.

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