Tobias Schneider: Ein Dessauer macht Erfurts Sprinter schnell

In Corona-Zeiten hat Tobias Schneider etwas Neues für sich entdeckt. Beginnend mit dem Ausbruch der Pandemie ging der 34-Jährige wandern. Der Thüringer Wald wurde zum Wochenend-Zufluchtsort. „Mir macht das Wandern unheimlich viel Spaß. Auf meinen bisherigen Touren bin ich so gut wie keiner Menschenseele begegnet. Wandern ist eben niemals Alltag, sondern macht den Kopf frei für das was wirklich zählt im Leben und für neue Horizonte! Der Thüringer Wald ist absolut eine Reise wert“, schwärmt der „Wahl“-Erfurter von seiner Auszeit im Grünen.

 

In einer normalen Sommersaison wäre dies fast unmöglich. Er würde zwar auch reisen, aber nicht allein. Mit seinen Athleten ginge es in Trainingslager, zu Meetings sowie zu nationalen und regionalen Meisterschaften. Ferner ist er als Vize-Präsident des Vereins „Anhalt Sport“ in seiner Heimatstadt Dessau in die Organisation des Internationalen Anhalt-Meetings am 8. September mit eingebunden.

 

Corona-Krise schafft Zeit für Daten-Projekt, Leichtathletische Wurzeln liegen in Dessau

 

Solch eine Krise hat auch ihre guten Seiten. So bleibt viel Zeit für andere Dinge. Wie für ein sportliches Daten-Projekt. Zusammengetragen werden dafür Ergebnisse seiner Trainingsgruppe sowie aus anderen Sprintdisziplinen der Thüringer Leichtathletik. „Es war einfach die Zeit, um gewisse Dinge trainingswissenschaftlich zu untersuchen und eventuelle Ableitungen herzustellen. Anhand der erfassten Daten können wir unter anderem sehen, wo Stärken und Schwächen der Athleten und Disziplinen liegen.“ Das funktionierte in den vergangenen sechs, sieben Wochen recht gut. Gerade in der Eins-zu-Eins-Betreuung mit den drei Perspektivkader-Athleten des LAC Erfurt Top Team konnte in den Einheiten im Detail noch genauer hingeschaut werden. „Wir waren wie eine kleine Gemeinschaft, Gerhard Jäger, die drei Athleten und ich. Das war ein sehr vertrautes Miteinander.“

 

Während er einen Teil seiner Sportlerfamilie täglich um sich hatte, sah er seine eigene Familie im sachsen-anhaltinischen Dessau nur via Videokonferenz. Erst Mitte Mai konnten sie sich wiedersehen. Seine Rückkehr ist auch immer eine zu den leichtathletischen Wurzeln. Beim 1. LAC Dessau fing alles an. „Ich war sportlich gut – auch überregional, aber die Sportschule in Halle wollte mich anfangs nicht. Erst zwei Jahre später. Da wollte ich nicht mehr und habe mich entschieden, es allein zu schaffen“, erzählt Tobias Schneider über seine Anfänge in der Leichtathletik. Nach dem Abitur verschlug es ihn zum Grundwehrdienst nach Potsdam. Gleichzeitig schloss er sich der Trainingsgruppe um Frank Möller an. Er wollte seinen Sport beim SC Potsdam professioneller betreiben. In dieser Zeit, es waren fünf Jahre, entwickelte sich aus dem Kurzsprinter ein 400-Meter-Läufer. Er feierte nationale Erfolge mit der 4x400-Meter Vereinsstaffel, 2006 folgte die Nominierung für einen U23-Länderkampf.

 

Vom Einzelathleten zum Guide über 400 Meter


Für den ganz großen Sprung an die deutsche Spitze reichten seine Leistungen in den Folgejahren nicht. 2010 waren die Deutschen Meisterschaften in Braunschweig seine letzten als Einzelsportler. Der Leichtathletik blieb er weiterhin treu – aus dem Einzelsportler wurde der Begleiter / Guide Tobias Schneider. „In Braunschweig bekam ich ein Angebot aus dem Behindertensport. Ich sollte einen sehbehinderten Athleten als Läufer über 400 Meter begleiten. Mit meiner Zusage betrat ich absolutes Neuland. Nur zwei Monate nach Braunschweig stand ich beim ISTAF in Berlin mit Matthias Schröder auf der Bahn“, erinnert sich Tobias Schneider an die schicksalhafte Begegnung zurück. Diese brachte Veränderungen. Räumlich zog es ihn nach Berlin, er wechselte zum PSC Berlin. Sportlich erfüllte sich der Olympia-Traum, ein Start bei den Paralympics in London. „Das war absolut einzigartig. Ein tolles Gefühl mit Matthias dort zu starten.“

 

Nach den Paralympics beendete Matthias Schröder seine Leistungssportkarriere. Mit Thomas Ulbricht fand sich ein neuer Athlet über 400 Meter. Zwei internationale Medaillen krönte ihre Zusammenarbeit: WM-Silber bei den Weltmeisterschaften 2013 im französischen Lyon und der EM-Titel 2014 im walisischen Swansea, beides über 400m. Nach der Para-WM 2015 in Doha verabschiedete sich Tobias Schneider als Aktiver von der Leichtathletikbühne.

 

Tobias Schneider hat für seine Trainingsgruppe das große Ziel immer im Blick


Er kehrte jedoch schnell auf diese zurück: als Vize-Präsident des Vereins „Anhalt Sport“ in Dessau und als Trainer – zunächst in Jena, seit eineinhalb Jahren in Erfurt. „In Jena habe ich Schüler der 9. und 10. Klasse trainiert. Mein Ziel war es immer Jugendliche ab der U18 und Erwachsene zu betreuen. In Erfurt gab es dann die Perspektive eine Trainingsgruppe zu übernehmen. Das deckte sich mit meinen Vorstellungen“, berichtet Tobias Schneider, der als Co-Trainer an der Seite von Trainer-Legende Gerhard Jäger die Erfurter Sprintgruppe leitet „Ich bin unheimlich dankbar, dass ich in dieser Zeit sehr viel von ihm (Anmerk. Gerhard Jäger) lernen konnte. Wenn er im August in Rente geht, werde ich seine Arbeit fortführen. Vom System ähneln wir uns. Das Training wird hauptsächlich klassisch geprägt sein. Ich bin aber auch jemand, der gern neue Dinge ausprobiert. So werde ich moderne Dinge ins Training einfließen lassen“, blickt der studierte Sportwissenschaftler Schneider voraus.

In dieser Kombination hat Tobias Schneider seine sportliche Passion gefunden. Wohin ihn der Weg mit seiner Trainingsgruppe führen wird, ist kein Geheimnis. Gut sichtbar verlinkt auf seiner Instagramseite und auf einem seiner Trainings-Shirts. Nicht Tokio, nicht Paris, sondern Olympia 2028 in Los Angeles hat er ins Visier genommen. „Erstmal hoffe ich, dass ich Julian Reus ein weiteres Jahr als Trainer begleiten darf. Ein anderes persönliches Ziel, dass ein Athlet aus der Trainingsgruppe in Los Angeles dabei ist.“ Auf diesem noch recht langen Weg können kleine Auszeiten für neue Impulse sorgen. Bei ihm sicherlich das Wandern im Thüringer Wald. Auf die Touren durch die ruhigen Wälder wollte er eigentlich nicht mehr verzichten.