Corona-Nebeneffekt: Eins-zu-Eins-Betreuung in der Erfurter Sprintgruppe

Gespenstische Stille: Die Erfurter Leichtathletikhalle und das benachbarte Steigerwaldstadion wirkten in den vergangenen zwei Monaten wie verwaist. Wo sonst mehrere Trainingsgruppen zeitgleich trainieren, herrschte seit Mitte März eine ungewohnte Ruhe. Mit einer Sondergenehmigung durften drei Erfurter Sprintasse in diese befremdliche Atmosphäre eintauchen. „Die ersten vier Wochen waren wir allein in der Halle. Das war wie Geistertraining. Solch eine Situation ist man einfach nicht gewohnt, das war schon unheimlich“, beschreibt Tobias Schneider die außergewöhnlichen Umstände. Der 34-Jährige ist TLV-Stützpunkttrainer und verantwortet gemeinsam mit Trainer-Legende Gerhard Jäger, dessen Nachfolge er im Sommer antreten wird, den Sprint.

Für die DLV-Perspektivkader Julian Reus, Julian Wagner und Luis Brandner (alle LAC Erfurt Top Team) waren die Trainingsstätten geöffnet. Sie durften praktisch ohne Pause trainieren. „Großen Dank an den Erfurter Sportbetrieb und den Olympiastützpunkt Thüringen, dass wir uns mit diesen Athleten planmäßig auf die Sommersaison vorbereiten konnten. Es hat alles sehr gut geklappt“, zeigt sich Tobias Schneider dankbar über die Ausnahmegenehmigung seiner Athleten. Anfangs war ihr Training so getaktet, dass sich keiner der drei Sprinter vor, während und nach den Einheiten in der Halle begegnet. „Sie kamen versetzt. Julian Reus vormittags, die anderen beiden nachmittags. Wir hatten in dieser Zeit eine Eins-zu-Eins-Betreuung. Auch im Kraftraum waren wir alleine“, erklärt Tobias Schneider, der mit seinen Schützlingen im April langsam auf die Bahn ins Stadion zurückkehrte und auch dort wieder Tempoläufe durchführte.

Eigentlich besteht die Trainingsgruppe aus acht Athleten. Obwohl mit Hannah Reetz und Jakob Funke (beide Erfurter LAC) zwei Nachwuchsathleten die Leichtathletikbühne nach ihrem Abitur verlassen werden. „Nach dem Sommer wird sich die Situation etwas ändern, wenn einige der jüngeren Athleten zu uns kommen“, beruhigt Tobias Schneider. In heimischen Gefilden trainierten derweil Nachwuchskader-Sprinterin Lea Katzmarski und Landeskader-Sprintern Lea Sophie Benzin (beide Erfurter LAC). Letztere zog es zurück in die Heimat nach Neubrandenburg, um dort die besseren Bedingungen auszunutzen. Nur aus der Ferne betreut, war es für die Trainer schwierig zu verfolgen, wie sich der Ablauf gestaltet und ob alle gesund sind. Mit den einhergehenden Lockerungen kehrt nun allmählich etwas mehr Normalität an die Trainingsstätten zurück. Große Gruppen mit vier Athleten und einem Trainer sind erlaubt. Aber immer mit gehörigem Abstand zu den anderen Trainingsgruppen.

In der Corona-Zeit erwies sich die Eins-zu-Eins-Betreuung als positive Randerscheinung. Die Einheiten verliefen intensiver und individueller. Ein Mehrwert für alle Beteiligten. „Wir konnten mit jedem Athleten noch mehr an und im Detail arbeiten. Zudem bin ich dem Athleten wieder etwas näher gekommen, das Zwischenmenschliche ist weiter gewachsen“, sagt Tobias Schneider, der seit eineinhalb Jahren als „Co-Trainer“ von Gerhard Jäger die Einheiten begleitet und im Sommer die Sprintgruppe um Deutschlands Rekord-Sprinter Julian Reus ganz übernehmen soll. Gerhard Jäger verabschiedet sich dann in den Ruhestand.

Noch begleiten sie zusammen den Aufbau für die Sommersaison. Ganz klassisch – ohne Experimente. Tobias Schneider bescheinigt allen drei Athleten eine gute Vorbereitung. Einer stellte den Anschluss wieder her. Vor genau einem Jahr zog sich Luis Brandner einen Muskelfaserriss im Oberschenkelbeuger zu. Es folgte das Saisonaus für Deutschlands schnellsten U20-Sprinter. „Seit einem dreiviertel Jahr ist er wieder gut dabei und zeigt ansteigende Form. Luis ist schmerz- und verletzungsfrei. Er hat sich gut entwickelt und zeigt sich absolut motiviert. Wir hoffen, dass er im Sommer ein, zwei Rennen machen kann.“ Das Ziel des Trios ist es, sobald als möglich ihre Schnelligkeit zu zeigen, Dafür braucht es Rennen. „Es ist nicht gut mit Blick auf 2021, einen Sommer ohne schnelle Rennen zu haben.“

Intern gibt es bereits einen Fahrplan mit vier Veranstaltungen in Vorbereitung auf die Deutschen Meisterschaften in Braunschweig. Noch sind nicht alle Termine final bestätigt. Die Hoffnung liegt auf den Monaten Juli und August. Allzu lang will Tobias Schneider die Sommersaison nicht gestalten. „Ich werde die Athleten nicht bis Mitte September oder Oktober Wettkämpfe bestreiten lassen. Wir müssen die Regenerationszeit im Hinterkopf haben. Darum haben die Athleten auch gebeten.“ Ganz bewusst, wenn man den Blick auf das nächste Jahr mit einer von zahlreichen Höhepunkten gespickten Hallen- und Sommersaison richtet. Die gespenstische Stille an den Trainings- und Wettkampfstätten soll dann längst der Vergangenheit angehören.