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17.04.2017

Tina Donder und der Kampf zurück auf die Bahn

Ihr erster Auftritt bei den Aktiven: Tina Donder (Nr. 6) bei der Hallen-DM über 3000 Meter in Leipzig.

Wöchentlich erscheint im FreienWort/Südthüringer Zeitung eine DM-Serie über Thüringens Leichtathleten, die bei den Deutschen Meisterschaften in Erfurt (8./9. Juli) an den Start gehen werden. Wir möchten die Athleten an dieser Stelle ebenfalls vorstellen: Hindernisläuferin Tina Donder (Erfurter LAC Top-Team)

 

Mit feuchten Augen irrte Tina Donder durch die Mixed-Zone der Arena Leipzig. Es waren keine Freudentränen, die der 20-Jährigen bei den Deutschen Hallenmeisterschaften über die Wange kullerten. Nach ihrem ersten Rennen über 3000 Meter bei den Aktiven saß die Enttäuschung über den Verlauf tief, die Athletin vom LAC Erfurt Top-Team konnte dem hohen Tempo der Spitzenathleten bis zum Ende nicht wirklich folgen und verpasste ihre Bestzeit als 15. in 10:04,31 Minuten deutlich.

Bemerkenswert ist etwas anderes. Die Hindernisspezialistin, gebürtig aus Sömmerda, startete erstmals nach zweieinhalbjähriger krankheitsbedingter Zwangspause bei einer nationalen Meisterschaft unter dem Hallendach. Sie hielt anfangs noch gut mit, vielleicht wollte sie in dem Moment einfach zu viel, und musste irgendwann abreißen lassen. Die Beine wurden schwerer, die Runden zogen sich. Aufgeben? Keine Option. So könnte auch ihr Lebensmotto lauten. Nach einer mehrmonatigen Leidenszeit hat sie sich auf die Bahn zurückgekämpft.

Die vergangenen Monate nervenaufreibend, ungewiss und letztendlich befreiend. Wir drehen die Zeit zurück. Nur ein wenig. Als die Freiluftsaison im Juli 2015 so richtig Fahrt aufnimmt, ist sie für Donder vorbei ehe sie richtig angefangen hat. Zuvor klagt die junge Sportlerin bereits über Schmerzen. Sie treten mal stärker, mal schwächer auf. Die erste Diagnose: eine Blinddarmentzündung, die bis in den Oberschenkel ausstrahlt. "Diese ist zwar so gut wie ausgeheilt, aber mein Körper kämpft irgendwie immer noch gegen kleine Reizungen", teilt sie wenig später über Facebook mit.

Die Gesundheit steht an erster Stelle - sie entscheidet sich, die Saison vorzeitig zu beenden. Elf Monate später bleibt die gesundheitliche Situation weiterhin angespannt. Inzwischen kann eine  Blinddarmentzündung ausgeschlossen werden. Was bleibt ist die Ungewissheit über die wirkliche Ursache. Laufpausen wechseln sich mit Alternativeinheiten ab. Mehrmals reist sie nach Berlin und sucht Rat bei entsprechenden Experten an der Charité. Ein Termin bei einem Rückenspezialisten bringt erlösende Klarheit. "Ich habe geweint vor Freude, als ich endlich die Diagnose hatte", erinnert sich Donder an den Moment zurück.

Es ist ein Tag im August, als ihr das Ergebnis der Untersuchungen mitgeteilt wird. "Der Arzt erklärte mir, dass bei mir im Lendenwirbelbereich ein Wirbel nicht richtig ausgebildet ist. Mit entsprechender Gymnastik und Stabilisation können wir den Schmerzen entgegensteuern. Ich fühle mich jetzt fit." Es sind Worte, die Zuversicht geben. Obwohl es natürlich auch Momente gab, wo sie dicht davor war, ihre Karriere zu beenden. Nicht wenige fragten, ob sie überhaupt noch aktiv ist. "Das war eine schwere Zeit für mich", blickt sie auf die vergangenen Monate zurück. Aufgeben und alles hinschmeißen? Sie grübelt, sie wägt ab und entscheidet sich. "Ich habe mir dann immer wieder gesagt, ich kann doch noch was."

Das Aufgeben käme auch zu früh. Die Liebe zur Leichtathletik entflammte spät. Elf Jahre war sie alt, als sie Lust auf etwas Neues verspürte. "Meine Oma meinte, ich sollte Leichtathletik ausprobieren. Sie kannte den Trainer Bernd Krannich relativ gut. Er wurde dann mein erster Trainer. Als ich dann das erste Mal beim Training war, haben wir Staffelläufe gemacht und ich hatte Spaß dabei. In dem Moment war mir klar, dass ich das weitermachen will", sagt Donder. Zuvor probierte sie sich beim Turnen, Schwimmen und nahm an der Schule oder vom Turnverein aus, noch an einigen Wettkämpfen wie Radrennen, Stadt- oder Schulcrossläufen teil. "Da habe ich schon gemerkt, dass das Laufen eigentlich gar nicht so schlecht ist."

Während sie sportlich pausierte, ging das Leben abseits der Bahn trotzdem weiter. Im Sommer des vergangenen Jahres gab es freudige Momente: der Abschluss der Schule mit dem Abitur zum Beispiel. Es folgte der Umzug nach Saarbrücken. Dort studiert sie Sportwissenschaften. Zugleich fand sie in der saarländischen Hauptstadt eine Trainingsgruppe, die von Adi Zaar betreut wird. Sie fühlt sich wohl. Auch in ihrer alten Heimat Erfurt, in die sie immer wieder gern zurückkehrt. Wenn es die Zeit erlaubt, dann schließt sie sich der Trainingsgruppe um Enrico Aßmus an.

Beide verbindet eine erfolgreiche gemeinsame Zeit. Der bisherige Höhepunkt war zweifelsohne der Start bei den U20-Weltmeisterschaften 2014 in Eugene (USA). "Tina Donder beste Europäerin über die Hindernisse", titelte damals leichtathletik.de. Die Thüringerin behauptete sich glänzend im Weltklassefeld und wurde Zehnte. Nun ist sie mit 20 Jahren der Jugendklasse entwachsen. Sie startet erstmals bei den Aktiven. "Der Übergang ist für mich sehr schwer, aber ich werde versuchen, an meine alten Leistungen anzuknüpfen", blickt die junge Sportlerin voraus. Eins hat die  ehrgeizige Athletin über die Leidenszeit nämlich nicht verloren: ihren Kampfgeist.

Einen detaillierten Sommerfahrplan gibt es noch nicht. Gegenwärtig befindet sich Donder im Aufbau für die Freiluftsaison, die mit einem Start bei den Deutschen Meisterschaften in Erfurt (8./9. Juli) gekrönt werden soll. "Ich denke, dass die Stimmung dort richtig gut wird. Ich würde mich riesig freuen unter heimatlichen Bedingungen dort zu starten", blickt sie voraus. Schließlich motiviert so ein Heimspiel zusätzlich - auch wenn die Beine über 3000 Meter Hindernis zwischendurch mal schwer werden sollten. Feuchte Augen soll es nach dem Zieleinlauf wieder geben, aber nicht aus Enttäuschung, sondern aus Freude über einen guten Lauf.

 

Tickets für die DM in Erfurt: www.leichtathletik.de/termine/top-events/dm-2017-erfurt/tickets/