News

17.02.2017

Ein großer Leichtathlet hat für immer die Laufbahn verlassen - Nachruf auf Siegfried Herrmann

Siegfried Herrmann (Foto: Archiv)

Thüringens Leichtathletikfamilie trauert um eine unvergessene sportliche Instanz. Weltrekordler, Olympiateilnehmer und Meistertrainer Siegfried Herrmann ist nach schwerer Krankheit im Alter von 84 Jahren gestorben.

 

Siegfried Herrmann, geboren im südthüringischen Unterschönau bei Steinbach-Hallenberg, entdeckte schon zur Jugendzeit seine Liebe für die olympische Sportart Nummer eins. Der bescheidene, stets heimatverbundene Läufer, der seit 1952 insgesamt 21 DDR-Rekorde, 29 Meistertitel erkämpfte, zweimal bei Olympia 1956 in Melbourne und 1964 in Tokio sowie an drei Europameisterschaften (1958, 1962, 1966) teilnahm und bei den Olympischen Spielen 1980 mit der Goldmedaille des Gehers Hartwig Gauder über 50 km seinen größten Trainererfolg errang, ging aber auch als Lauf-Ästhet und Weltrekordler in Thüringens Sportgeschichte ein. Aber auch als olympischer Pechvogel – wegen seines Unglücks 1956 in Melbourne.

 

Im Juli zuvor war der gelernte Tischler in Erfurt DDR-Meister über 1500 Meter geworden, in der Superzeit von 3:41,8 Minuten, das lag nur 1,2 Sekunden über dem Weltrekord. Der Zweite, Klaus Richtzenhain aus Leipzig, hatte fast sechs Sekunden Rückstand. Übrigens wird berichtet, dass 1100 Fans aus Unterschönau (das Dorf hatte damals etwa 1300 Einwohner!) mit Kind und Kegel nach Erfurt gereist waren und den Sieg ihres Helden bis tief in die Nacht im Hotel am Bahnhof feierten. Jedenfalls galt Siegfried Herrmann mit dieser Zeit als Anwärter auf Gold, als es im November nach Melbourne/Australien zu den Olympischen Spielen ging. Die Hoffnungen auf Gold waren berechtigt, war er doch kurz vor den Spielen Weltjahresschnellster über 1500 Meter. Zum großen Missgeschick kollidierte er im Vorlauf unglücklich mit dem australischen Läufer John Landy. Dessen unbeabsichtigter Tritt in Herrmanns Ferse brachte diesen statt ins Finale auf den Operationstisch des St. Vinzenz-Hospital: Achillessehnenriss! Der Traum von der Olympiamedaille war geplatzt; den 1500 -m-Lauf gewann der Ire Ron Delaney in 3:41,2 min vor Klaus Richtzenhain in 3:42,0.

 

Vier Jahre später verhinderte eine infektiöse Erkrankung Herrmanns Olympia-Start in Rom. Der leidenschaftliche Leichtathlet ließ sich nicht entmutigen und versuchte 1964 in Tokio erneut sein Glück, jetzt als Langstreckler über 10 000 Meter. Er wurde Elfter. In dem Jahr ohne Auslandswettkämpfe griff der Südthüringer zweimal Weltrekorde an. Über 5000 Meter verfehlte er in Potsdam in 13:30 min die Bestmarke. Wenig später erfolgte in Erfurt der Angriff auf den 3000-m- Weltrekord, en er auf 7:46,0 min schraubte. Insgesamt bestritt Siegfried Herrmann 576 Wettkämpfe und war zudem bei 32 Länderkämpfen am Start.
Was ihm als Sportler versagt blieb, erfüllte sich 1976 bis 2000 in seiner Arbeit als Geher-Trainer. 1980 führte er den Ilmenauer Hartwig Gauder zum Olympiasieg über 50 km. Unvergessen die Bilder, als er beim Erfolg seines Schützlings in Moskau die komplette Strecke nebenher mitlief. Als  Gauder ins Stadion abbog, war der Weg für Herrmann versperrt. Er hastete auf die Zuschauertribüne, um in letzter Sekunde den Zieleinlauf seines Meisterschülers zu fotografieren. Später konnte er auch noch WM- und EM-Titel von Gauder feiern. Nach dessen Karriereende 1992 kümmerte sich Herrmann bis ins Rentenalter weiter um Thüringens Geher. 1996 qualifizierte sich mit Thomas Wallstab ein weiterer Schützling für die Olympischen Spiele von Atlanta und landete auf dem 15. Platz. Bis zum Ende seiner Trainerlaufbahn im Jahr 2000 brachte Herrmann noch vielen jungen Sportlern das Einmaleins des sportlichen Gehens bei.


Wenn wir fortan den stillen und bescheidenen Laufästhet, Weltrekordler und Erfolgstrainer nicht mehr an der Laufbahn sehen, wird Siegfried Herrmann aufgrund seiner über mehr als ein halbes Jahrhundert erbrachten Leistungen allen Leichtathletikfreunden als eine unvergessliche sportliche wie menschliche Instanz in guter Erinnerung bleiben.  -theo schwabe-